Bestattungen: Regularien werden als zu streng empfunden

Die Soziologen Dr. Thorsten Benkel und Matthias Meitzler im Gespräch zu aktuellen Entwicklungen bei Bestattungen

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Dr. Thorsten Benkel (l.) und Matthias Meitzler

Dr. Thorsten Benkel ist Akademischer Rat am Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Passau. Er studierte Soziologie, Philosophie, Psychologie und Literaturwissenschaft. Seit einigen Jahren beschäftigt er sich mit unterschiedlichen soziologischen Aspekten des Todes. Hierzu veröffentlichte er eine Reihe von Büchern (siehe unten). Benkels neuestes Buch trägt den Titel „Die Zukunft des Todes“. Als Herausgeber versammelt er AutorInnen zu sehr unterschiedlichen Themen, von der Bestattung bis zur digitalen Trauer.
Matthias Meitzler, Jahrgang 1986, ist seit mehreren Jahren Mitarbeiter von Thorsten Benkel. Meitzlers Studienfächer waren Soziologie, Psychologie, Psychoanalyse, Ethnologie und Geschichte. Er ist Doktorand am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der J.W. Goethe-Universität, Frankfurt/Main; Thema seiner Dissertation ist das Verhältnis zwischen Tod und Individualisierung.
Beide interessiert die Frage, wie sich Vorstellungen der Deutschen von der eigenen Bestattung oder der von Angehörigen in den letzten Jahren verändert haben.


Lieber Herr Benkel, lieber Herr Meitzler,

mir ist ein Ehepaar bekannt, das die Asche ihres Sohnes im heimischen Garten verstreut hat. Auf diese Weise fühlt es sich ihrem Kind nahe. Aber sie reden nicht mit vielen Menschen darüber, denn nach aktuellem Recht haben sie sich strafbar gemacht. Ist das heutige Bestattungsgesetz noch zeitgemäß?

Thorsten Benkel:
Aus unserem zahlreichen Gesprächen mit Angehörigen, aber auch mit Politikern und Berufsexperten wissen wir, dass sich darüber streiten lässt. Viele Hinterbliebene stören sich an den Regularien, die sie als zu streng empfinden, weil sie damit ihr persönliches Trauerempfinden nicht verknüpfen. Die gesetzlichen Vorschriften sind fast überall in Deutschland noch so gestaltet, dass diesen Menschen die Möglichkeit fehlt, autonom und individuell mit ihrem Verlust umzugehen. In einem aktuellen Forschungsprojekt sprechen wir mit Personen, die die Regularien umgehen und erfahren so einiges über die faktischen Wünsche zur Bestattungskultur und über den Mentalitätswandel, der sich in diesem Bereich abgespielt hat und noch immer abspielt.

Ästhetisch führt die steigende Auswahl an Möglichkeiten – etwa beim Urnendesign – nicht immer zu Vorteilhaftem. Geht uns da auch Kultur verloren?

Matthias Meitzler:
Keineswegs. Im Gegenteil: Kultur wandelt sich lediglich und findet dabei immer neue Ausdrucksformen. Aus soziologischer Perspektive geschieht dies nicht zum Vor- noch zum Nachteil. Bestattungskultur ist stattdessen immerzu der Spiegel gesamtgesellschaftlicher Verhältnisse. Dass das Leben heute vielfältig geworden ist und es mehr Gestaltungsfreiheiten gibt, zeigt sich zunehmend auch dann, wenn ein Leben endet. Wir beobachten eine Tendenz zum selbstbestimmten Umgang mit Sterben, Tod und Trauer.

Friedhofsbetreiber, Friedhofsgärtner und Steinmetze machen sich zunehmend Sorgen. Über Jahrhunderte waren Erdbestattungen in Särgen der Standard. Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Urnenbestattungen, zunehmend auch in anonymen Grabfeldern. Gleichzeitig lassen sich immer mehr Menschen in dafür vorgesehenen Wäldern bestatten. Woran liegt das?

Thorsten Benkel:
Das hat zum einen ökonomische Gründe: Erdbestattungen sind meist die teuerste Variante. Der Wegfall des Sterbegeldes und andere Änderungen wirtschaftlicher Verhältnisse hallen auch bei der Bestattung nach. Viele Angehörige können oder wollen nicht mehr so viel Geld für ein Grab bezahlen. Hinzu kommt: Manche Hinterbliebene gehen nicht so oft zum Grab, etwa weil sie woanders leben, und können/wollen das Grab somit nicht regelmäßig pflegen. Sie entscheiden sich deshalb für Alternativen, die weniger Aufwand erfordern, und das sind in der Regel die kleineren Grabstätten. Dieses Motiv spielt auch bei den Waldbestattungen eine Rolle. Hier ist Grabschmuck sogar ausdrücklich verboten. Heute gibt es generell alternative Trauerorte, an denen sich mancher Angehörige lieber und länger aufhalten mag, als auf dem klassischen Friedhof.

Individuelle Grabstätten gab es schon immer. Und es gab schon immer die Menschen, die über den Tod hinaus etwas darstellen wollten – was man an bisweilen gewaltigen Grabdenkmälern sehen kann. Ist der Ausdruck von Individualität nach dem Ableben heute noch gefragt? Wie sieht er aus? Ergibt er Sinn?

Matthias Meitzler:
Er ist mehr denn je gefragt! Früher waren es insgesamt relativ wenige Menschen, die Individualität über das Grab ausdrückten. Und wenn, dann waren es die Vermögenden, die das Errichten von prunkvollen Grabstätten zum Ausdruck ihres Status‘ nutzten. Es ging nicht so sehr um Individualität, sondern um die Darstellung ihrer Position, der über Tod hinaus sichtbar sein sollte. Die restlichen Gräber waren für gewöhnlich relativ schlicht und uniform (sie wiesen oft Namen, Daten und einen Bibelvers auf). Heute, seit etwa den 1980er Jahren, betrifft der Individualitätsgedanke die breite Masse der Bevölkerung, denn im Leben muss man mittlerweile zunehmend eigenständige Entscheidungen treffen, für deren Konsequenzen man selbst verantwortlich ist. Verlässliche Leitlinien schwinden. Man hat mehr Freiheiten, dafür aber auch ein höheres Risiko zu scheitern. Das spiegelt sich inzwischen auch in der Grabgestaltung wider. Oft geht es um eine Loslösung von Traditionen, vom Kollektiv und von der Religion. Immer häufiger lassen sich Gräber finden, welche die einzigartige Persönlichkeit des Verstorbenen in den Vordergrund rücken. Was war er für ein Mensch, was hat er gemocht, wofür konnte er sich begeistern, was hat er im Leben erreicht? All dies wird kompakt am Grab dargestellt und diese Lebensbilanz ist in einer Gesellschaft, in der man leichter scheitern kann, umso wichtiger.

Auch der Friedhof vermittelt ein Gefühl von Gemeinschaft. Bisweilen auch ganz praktisch, denn man kam mit anderen ins Gespräch, die ihre Gräber pflegten, sprach über die Verstorbenen und leistete so auch Trauerarbeit. Wie verändern neue Formen der Grabkultur soziale Kontakte und wie wirken sie sich auf den Trauerprozess aus?

Thorsten Benkel:
Auf dem Friedhof selbst tut sich hier vermutlich weniger, als an anderen Trauerorten. Nehmen wir das Beispiel Internet. Es gibt so genannte virtuelle Friedhöfe, bei denen man eine eigene Seite für den Verstorbenen errichten und gestalten kann. Fotos, Videos, Songtexte, Verlinkungen, all dies ist möglich. Man kann sich dort aber auch schlichtweg mit anderen Menschen austauschen. Und man kann sich sogar die Seiten von Unbekannten anschauen und somit an diesem fremden Schicksal „teilhaben“. Über das Internet kommt man schneller in Kontakt und kommuniziert wegen der relativen Anonymität möglicherweise unbefangener. Für mache Trauernden kann das sehr hilfreich sein.

Welche Rolle spielt bei dem Wunsch nach Bestattung an einem individuell(en) gewählten Ort – etwa dem heimischen Garten – die weit verbreitete Angst vor dem Friedhof als dem Ort, wo der Tod zuhause ist.

Matthias Meitzler:
Das lässt sich schwer pauschal sagen. Menschen verbinden mit dem Friedhof Unterschiedliches. Das Bild vom Friedhof als Erholungsgebiet, als Park, als grüne Lunge, kurzum: als lebendiger Ort hat sich in letzter Zeit verbreitet. Für andere mag der Friedhof wiederum ein düsterer und unheimlicher Ort sein, den sie versuchen, so gut es geht, zu meiden; vielleicht auch, weil dieser Ort sie an ihre eigene Sterblichkeit erinnert. Es ist jedenfalls nicht der Ort, den sie mit ihrem geliebten Verstorbenen in Zusammenhang bringen wollen. Besser eigenen sich dafür Orte, die sie früher oft zusammen besucht haben und mit denen sie schöne Erinnerungen verbinden: etwa ein gemeinsames Urlaubsziel. Das hören wir auch häufiger von Personen, die die Asche ihres Verstorbenen im Meer, im Fluss, im See oder in den Bergen verstreut haben.

Früher „ging alles seinen geregelten Gang“ nach dem Tod eines Angehörigen, das Prozedere war klar geregelt. Heute hat man zahlreiche Alternativen und – kann dies nicht auch zu einer Überforderung führen?

Thorsten Benkel:
In der Tat. Oftmals herrscht ein Informationsdefizit. Erst recht wenn sich im Vorfeld eines Todesfalles niemand Gedanken über den genauen Ablauf gemacht hat. Dann muss wiederum in einer kurzen Zeit entschieden werden – und das auch noch innerhalb einer emotionalen Ausnahmesituation. Dazu ist die Entscheidungskomplexität in den letzten Jahren gestiegen. Die Freiheit wählen zu können, ist gleichzeitig die Bürde wählen zu müssen. Umso wichtiger sind die Beratungskompetenz und das Einfühlungsvermögen jener Personen, die mit dem Trauerfall professionell befasst sind. Oftmals wissen die Angehörigen gar nicht, was heute möglich ist und was nicht.

Was ist Ihre persönliche Meinung: Ist die heutige Vielfalt an Möglichkeiten eher ein Verlust an Kultur oder ein Gewinn?

Matthias Meitzler:
Weder noch. Für uns ist sie ein Ausdruck der gesellschaftlichen Wirklichkeit und ihres Wandels. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn Menschen hierdurch einen Weg finden, mit ihrem Verlust in einer Weise umzugehen, die ihrem subjektiven Trauerempfinden gerecht wird, ist das sehr begrüßenswert.

Welches Buch, Bild oder Musikstück ist Ihnen zu diesem Thema wichtig und welches würden Sie unseren LeserInnen empfehlen?

Unser aktuelles Buch: „Game over. Neue ungewöhnliche Grabsteine“, Kiepenheuer & Witsch, 9.99€

Musikstück: Richard Strauss, „Tod und Verklärung“

Bilder: Die circa 400 Farbfotos in dem genannten Buch „Game over“!

Lieber Herr Benkel, lieber Herr Meitzler, ich danke Ihnen für das Gespräch.


„Die Zukunft des Todes“
Thorsten Benkel (Hg.)
September 2016, transcript Verlag
http://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-2992-7/die-zukunft-des-todes

„Game over. Neue ungewöhnliche Grabsteine“
Thorsten Benkel, Matthias Meitzler
April 2016, Kiepenheuer & Witsch
http://www.kiwi-verlag.de/buch/game-over/978-3-462-04905-3/

Sinnbilder und Abschiedsgesten – Soziale Elemente der Bestattungskultur
Thorsten Benkel, Matthias Meitzler
2013, Verlag Dr. Kovač
http://www.verlagdrkovac.de/978-3-8300-6177-9.htm

Die Verwaltung des Todes. Annäherungen an eine Soziologie des Friedhofs
Thorsten Benkel
2012 – 2., überarbeitete Auflage, 2013, Logos-Verlag
http://www.logos-verlag.de/cgi-bin/engbuchmid?isbn=3126&lng=deu&id=

Weitere Informationen: www.friedhofssoziologie.de

Richard Strauss, „Tod und Verklärung“, gespielt vom Symfonieorkest Vlaanderen

 

Michael Ziegert

Michael ist einer der beiden Gründer von Elysium.digital. Als gelernter Journalist und langjähriger Internet-Unternehmer hat ihn der Online-Journalismus schon immer fasziniert.

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1 Antwort

  1. 4. November 2017

    […] Bestattungen: Regularien werden als zu streng empfunden […]

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