Leben ist Sterben

von Dzongsar Jamyang Khyentse – eine Buchbesprechung von Lisa Freund

Der Autor dieses Buches ist ein hochrangiger tibetisch-buddhistischer Gelehrter aus Bhutan, der ein unkonventioneller VIP unserer Zeit ist (Jahrgang 1961). Er lehrt weltweit. In den USA studierte er Filmwissenschaften und Politik. Er beriet Bernardo Bertolucci, als dieser den Film „Little Buddha“ drehte. Als Filmregisseur hat er fünf Filme gedreht, darunter den ersten bhutanesischen Spielfilm „Spiel der Götter“ im Jahr 1999. Er ist Autor etlicher Bücher, in denen er die Lehren des tibetischen Buddhismus in unsere Zeit übersetzt.

„Mit leeren Händen kam ich in diese Welt.
Barfuß verlasse ich Sie.
Mein Kommen, mein Gehen –
Zwei einfache Ereignisse,
ineinander verwoben.“
Kozan Ichikyo“ [1]Leben ist Sterben, S. 57

Dzongsar Khyentses Buch über Leben und Sterben ist sehr speziell. Es verknüpft die Lehren des Tibetischen Totenbuchs und seine spirituellen Praktiken mit Anleitungen für den Abschied von Sterbenskranken und Verstorbenen. Etliche Ausführungen wenden sich direkt an Buddhisten. Dies gilt vor allem für den zweiten Teil des Buches.

Der Autor formuliert – gut verständlich – Texte, die mit dem Sterbenskranken als Vorbereitung auf den Übergang gelesen werden können. Er stellt verschiedene Mantren vor, beschreibt deren Wirkungsweisen und erläutert wertvolle Visualisierungspraktiken. Sie stammen aus unterschiedlichen, tibetischen Traditionen. Gebete, die wir auch in der westlichen Welt übernehmen können, klingen wie Poesie. Auch mangelt es nicht an Humor. Dzongsar Khyentse verdeutlicht, wie Leben und Sterben ineinander verwoben sind.

Er gibt aus dem wertvollen Fundus seiner buddhistischen Tradition Ratschläge zur Vorbereitung auf den eigenen Tod, etwa wenn es um die Lenkung der Aufmerksamkeit beim Einschlafen und beim Aufwachen oder um die Vergegenwärtigung von Vergänglichkeit im Alltag geht. Beispiele, die er wählt, sind modern und wirklichkeitsnah. Viele Fragen zum Umgang mit dem Tod beantwortet er kurz und bündig, z.B. diese: „Was soll ich tun, wenn der Sterbende nicht begreift, was vor sich geht, und stattdessen plaudern möchte?“ [2]Leben ist Sterben, S. 170

Einfach, sehr kompetent und anschaulich beschreibt Dzongsar Khyentse sowohl den eigentlichen Sterbeprozess als auch die Bardos, das Hängen zwischen Leben und Tod, vor allem nach dem Austritt des Geistes, der Seele aus dem Körper.

Dieses Buch enthält auch praktische Anleitungen für Rituale: etwa ein Wasserritual oder die Anleitung zur Herstellung von Schutzamuletten oder von Tsatsas, kleine Hohlformen von Buddhas, die man mit Gips ausgießt, mit Mantrarollen sowie heiligen Zutaten füllt und den Verstorbenen als Opfergaben darbringt. Wie das geht, wird sehr genau beschrieben. Eindrucksvoll erklärt der Autor, dass Spenden oder Opfergaben für den Verstorbenen oder das Verschenken seines Besitzes zu dessen geistiger Befreiung dienen. Er sagt einiges zur Bewältigung von Trauer. Dzongsar Kyenthse bezieht sich auf uralte Bräuche in Tibet und offenbart deren Sinn. Einiges ist mit Mut und Fantasie in unsere westliche Welt übertragbar, auch für Nichtbuddhisten.

Komplexe Inhalte, zum Beispiel über den Wandel im Tod, die Bardos sowie die Lehren zum Umgang mit dem Geist im Wandlungsprozess beim Sterben, aber auch im Leben sind auch ohne Vorkenntnisse gut zu verstehen. Auch wer tibetisch-buddhistische Praktiken rund um Sterben und Tod und Trauer kennen lernen will, findet in diesem Buch vielfältige Anregungen.


Fußnoten[+]

Literaturangabe:
Dzongsar Jamyang Khyentse: Leben ist Sterben: Wie wir uns auf das Sterben, den Tod und darüber hinaus vorbereiten können, Manjugosha Edition Berlin 2019, 1. Aufl.

Links
https://www.leben-ist-sterben.de
https://de.wikipedia.org/wiki/Dzongsar_Jamyang_Khyentse_Rinpoche

Hier eine Kostprobe eines Vortrags von Dzongsar Khyentse über das buddhistische Lebensrad. Es macht Sinn, einen Ausdruck, eine Kopie des Lebensrades vor sich hinzulegen und dann den Erklärungen von Dzongsar Khyentse zu folgen. Er führt ein in den Kosmos der buddhistischen Lehre, humorvoll, praktisch, optimistisch, unkonventionell.

Lisa Freund
Letzte Artikel von Lisa Freund (Alle anzeigen)

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.