Das Leben zu Ende bringen, aber wie?

Sich entscheiden und dann … loslassen

Die Autorin beschreibt Begegnungen mit ihrem Freund Klaus kurz vor seinem Tod. Er hat ein Hospiz als letzten Ort gewählt und zugleich eine Absprache mit einem Arzt getroffen, der bereit ist, ihm im Falle der Entscheidung für einen assistierten Suizid zu Seite zu stehen. Im Hospiz weiß niemand davon. Lisa Freund denkt nach über Entscheidungen, die beim letzten Loslassen helfen können. Sie versetzt sich in die Rolle von Klaus und formuliert eigene Gedanken zum Thema.

Unsere Freiheit ist uns wichtig, nicht nur in der westlichen Welt. Dieses Verlangen wurzelt im Recht zur Selbstbestimmung auf der Basis unserer Persönlichkeitsrechte, gegenwärtig in Deutschland garantiert im Grundgesetz. Deren Fundament sind die Menschenrechte, unter anderem hervorgegangen aus den Errungenschaften der Französischen Revolution und dem Menschenbild der europäischen Aufklärung. Als aufgeklärte, freiheitsliebende Bürger in der Wissenschaftsgesellschaft wollen wir würdevoll und selbstbestimmt durchs Leben und in den Tod gehen, egal wo, wann und wie. Nur … wir haben das nicht im Griff. Das liegt nicht an der Demokratie oder einer Gesellschaft, die uns alles diktiert und die Freiräume auffrisst, sondern daran, dass der Tod unberechenbar ist. Immer noch.

Klaus, ein guter Freund, nun auch schon über 70 Jahre alt, hat angerufen. Wir treffen uns öfter zum Plauschen. Er hat sich nach langjähriger Erkrankung für ein würdevolles Ende im Hospiz entschieden. Dazu benötigt er eine Diagnose, die besagt, dass er sich im finalen Stadium seiner Erkrankung befindet. Das ist jetzt der Fall.

Ich wundere mich. Klaus ist Mitglied in einem Verband, der den assistierten Suizid befürwortet, dort wo er sinnvoll ist. Es gibt eine Abmachung zwischen ihm und einem Arzt, den er schätzt. Jener hat nach einigen Gesprächen mit ihm, die überprüft wurden, zugestimmt, ihm beim Suizid behilflich zu sein. Dafür ist Klaus dankbar. Ich besuche ihn im Hospiz, er sagt mir, die Hospizmitarbeiterinnen wüssten davon nichts, ebenso wenig wie die Palliativmedizinerin, die ihn betreut. Klaus hat sie von seiner Entscheidung und ihren möglichen Folgen absichtlich nicht informiert. Ich werde aufgefordert, bloß nichts zu verraten. Im Hospiz lehnt man assistierten Suizid entschieden ab, obwohl das neue Urteil vom Bundesgerichtshof vom Februar 2020 diesen unter bestimmten Umständen zulässt. Es wird im stationären Hospiz davon ausgegangen, wer sich für palliative Begleitung entscheidet, geht diesen Weg bis zuletzt vertrauensvoll mit der behandelnden Ärztin (für Klaus ist es eine Palliativmedizinerin, die er sich ausgesucht hat), den Hospizmitarbeiter‘innen, Angehörigen und Freunden.

Als es Klaus noch besser ging und wir noch spazieren gehen konnten, sprachen wir öfter darüber, dass er bald sterben wolle, weil das kein Leben mehr sei. Klaus erklärt mir: „Oft kann ich nicht mal aufstehen, meine Blase kann ich kaum noch kontrollieren, daher hab` ich einen Urinbeutel. Das ist unwürdig, finde ich. Bei jedem Bisschen muss ich um Hilfe bitten, tagelang bin ich so erschöpft, dass ich nur schlafe. Ich habe an manchen Tagen die Kontrolle über meine Sprache nicht mehr, höre schlecht, kann kaum noch sehen, fühle mich unsäglich unwohl, bin häufig sehr deprimiert.“ Seine Frau kennt diese Beschwerden und auch den sich immer wiederholenden Satz. : „Ich rufe Dr. X an und dann bin ich morgen tot.“ Diese Aussage hat sie früher zu Tränen gerührt, dann zu Wutausbrüchen geführt und sie schließlich in große Verzweiflung gestürzt. Jetzt kann sie diese Worte nicht mehr hören. Gestern hat sie die Fassung verloren und gesagt: “ „Dann tu es doch, nimm dir das Leben!“ Erschrocken war sie darüber, verzweifelt. Beide haben miteinander geweint, sich entschuldigt.

Jetzt geht es Klaus schlechter als Zuhause. Die Krankheit ist unerbittlich fortgeschritten. Es sieht so aus, als könne das Leben von ihm jeden Moment zu Ende gehen. Er döst vor sich hin, ist nur noch kurz wach, dann für einige Zeit gesprächig, danach erschöpft, manchmal kann er kaum reden. Es ist ein Hin und Her. Aber das, was er jeden Tag immer wieder aufs Neue deutlich sagt, ist: „Ich will noch nicht sterben. Ich will noch leben.“ Wie oft sagt er das? Klaus meint mir gegenüber in einem lichten Moment, fast jeder, der zu Besuch komme, frage ihn danach und er antworte immer das gleiche. „Nervt dich das nicht?“, frage ich. Er antwortet: „Ja, sehr, aber ich muss das sagen, denn sonst holt meine Frau vielleicht Dr. X, um mir was Gutes zu tun. Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich will nur nicht jetzt sterben. Manche Tage geht es mir besser. Dann hab` ich was vom Leben. Es ist eben noch nicht der Zeitpunkt.“

Ich erlebe, dass sich die Familie mit dem Thema ernsthaft auseinandersetzt. Der älteste Sohn meint, das sei kein Leben mehr. Er versteht Klaus nicht, fragt sich, warum Klaus nicht sofort Schluss mache. Die Familienmitglieder sind überanstrengt von den Wochen und Monaten der Fürsorge zuhause, die alles von ihnen gefordert hat, nahezu sämtliche Ressourcen. Es ist verständlich, dass neben der aufrichtigen Liebe durchscheint: Es wäre auch für uns eine Erleichterung, wenn Klaus sich entscheiden könnte zu gehen. Seine Frau sagt: „Natürlich tut es uns weh, wenn Klaus stirbt. Doch wir können es eh` nicht ändern.“

Ich frage mich: Ist es nicht ein unsäglicher innerer Zwiespalt für Klaus, einerseits die Fürsorge der palliativen Medizin und Pflege im Hospiz zu genießen, die Symptome, nicht nur Schmerzen lindert, sondern den Gast verwöhnt mit liebvoller Fürsorge, dem Eingehen auf seine Bedürfnisse, dem Komfort eines wohnlichen Einzelzimmers, Besuchserlaubnis rund um die Uhr, nahezu jeder Wunsch wird erfüllt? Klaus erhält oft sein Lieblingsgericht und nachmittags Kirschkuchen wie in seiner Kindheit. Er wird mit dem Rollstuhl auf die Terrasse vor seinem Zimmer gefahren, damit er die Morgensonne genießen kann. Er wird verwöhnt rund um die Uhr. Das macht die letzten Tage so lebenswert. Sie sind darauf angelegt, die größtmögliche individuelle Lebensqualität zu schaffen.

Andererseits gibt es die langjährige Überzeugung, die Klaus in sich trägt. Sie heißt: „Ich bestimme, wann mein Leben endet mit Unterstützung eines Arztes.“ Klaus wollte nie zum Pflegefall werden und auf diese Weise, wie er es formuliert, „unwürdig“ sterben. Er erlebt nun, dass seine Frau und der älteste Sohn durchaus der Meinung sind, dass Klaus jetzt die Entscheidung fällen könne, diese Welt zu verlassen – zum Wohle aller. Beide denken das, aber sie sprechen es nicht aus. Das, was im Raum schwebt, belastet Klaus. Man redet nicht darüber.

Ich spüre das Hadern, das Hin- und Hergerissensein von Klaus. Die Nervosität und Unruhe, die daraus resultieren, empfinde ich als schier unerträglich. Ist das schon der Todeskampf? Welche Rolle spielt sein innerer Konflikt dabei?
Zuhause angekommen, habe ich das Bedürfnis, mich in Klaus hineinzuversetzen. Dabei kommen mir folgende Gedanken:
Klaus weiß, wenn es ihm schlecht geht, nicht, ob er jetzt um den assistierten Suizid bitten soll? Es könnte ja wieder bergauf gehen. In meiner Rolle als Klaus, empfinde ich, in den seelischen Abgründen unterhalb dieses Zwiespaltes, lauert etwas Teuflisches. Es ist ein Gewirr von Schuldgefühlen wie: „Ich bin eine Zumutung für alle, ein hilfloses Bündel aus Fleisch und Knochen, das nichts mehr wert ist. Die pflegen mich. Das ist auch noch teuer. Ich muss davon nichts selbst zahlen. Das tun die Krankenkassen. Schlimm ist dabei, ich falle der Allgemeinheit zur Last. Meine Familie ist am Ende und ich bin so egoistisch, hier zu bleiben, obwohl das keinen Sinn mehr macht. Ich bin eine Bürde für alle. Ich sehe, dass meine Lieben eigentlich Ruhe brauchen. Die kriegen sie nicht, wenn ich noch da bin. Für alle ist mein Tod letztendlich eine Erlösung. Ich könnte ihn haben… schon morgen, aber ich will noch nicht sterben. Und ganz tief unten aus dem Urschlamm steigt der Satz auf: Das Leben liegt in Gottes Hand. Kein Mensch kann sich anmaßen, etwas zu nehmen, was Gott geschenkt hat. Das ist Sünde.“

Dann ist da noch die Heimlichtuerei, ein Energiefresser der besonderen Art. Im Hospiz darf niemand wissen, dass fast jeden Tag entweder telefonisch oder leibhaftig eine Person präsent ist, die fragt, ob sie Klaus helfen soll, das Leben zu beenden. „Es ist gut gemeint. Ich habe mir das so gewünscht. Genau das ist jetzt eine Belastung für meine Seele…“, denkt Klaus.

Alle diese Gedanken, die innere Zerrissenheit und die damit verbundenen Gefühle kosten Lebenskraft, wirken subtil und halten den Klaus in mir davon ab, anzunehmen, was ist und davon, einen inneren Raum zu betreten, der über dieses Leben hinaus weist – einen Ort der Stille, der Ruhe, des Geborgenseins. Dabei helfen Gebete, Gedichte, das Inne-Halten, Visualisierungen, Musik, menschliche Nähe. Ich komme dort nicht hin, bin abgelenkt von diesem ewig kreisenden Gedankenkarussell. Ich kann mich nur wenig erfreuen an den wunderbaren, glückseligen Momenten, die es jeden Tag auch noch gibt, denn meine Zwiespalt-Energien ziehen mich in Ambivalenzen hinein, blockieren meine schwachen Lebenskräfte. Lebendige Vergangenheit ist immer noch in meinem Kopf. Die Zukunft, ist nicht mehr mein Thema, außer der Tod, der jetzt an ihre Stelle tritt. Von Augenblick zu Augenblick leben – wie soll das gehen?

Wohl gemerkt, niemand spiegelt mir, dass ich eine Last bin, niemand setzt mich unter Druck. Ich werde geliebt und gut versorgt. Was mich quält, sind meine Gedanken und Gefühle, meine Urteile über Menschen, auch meine Taten. Ich bin ihnen ausgeliefert. Das ist es, was mich gerade daran hindert, loszulassen. Es gibt fast keine äußeren Zwänge außer der Krankheit, wenig moralischen Druck.

Ich frage mich: Was geschieht, wenn ich am Lebensende die Wahl habe, wie und wo ich meine letzte Lebenszeit verbringen möchte und eine eindeutige Entscheidung fälle?

Zum Beispiel: Ich will in ein stationäres Hospiz und gehe den Weg der palliativen Begleitung vertrauensvoll und in Absprache mit meinem Arzt, den Pflegekräften sowie den Angehörigen, nehme die Fürsorge an und genieße, was möglich ist, treffe dort meine Absprachen, bespreche meine Wünsche und Befürchtungen mit der Ärztin, hole mir Rat vor Ort. Es gibt keine kräftezehrende Heimlichtuerei. Nachdem ich meine Bedürfnisse und Ängste ausgesprochen habe, vertraue ich darauf, dass ich vor dem Tod die Hilfe bekomme, die ich will und brauche. Das steht mir zu. Es ist mein Recht als Mensch, der in diese Welt, in dieses Leben, das mit dem Tod endet, hinein geboren wurde. Ich habe den obigen Zwiespalt nicht, der mich zweifeln lässt, der die letzte Lebenszeit wie ein Damokles-Schwert über mir schwebt. Die Kraft, die ich habe, widme ich den kleinen Freuden im Jetzt, dem, was das Leben mir schenkt.“ Ich sehe Klaus vor mir, wie er das Lachen seines Enkels, das üppige Grün vor der Tür, den Kirschkuchen, die Zärtlichkeiten seiner Lieben, Gespräche über das, was nach dem Tod kommen könnte, genießt.

Ist es nicht das Erleben von Liebe und Geborgensein, das Vertrauen in den Tod als Wandlung, das Türen und Räume öffnet, die in eine andere Welt führen können? Auf ihren Flügeln in die Ewigkeit gleiten. Das fühlt sich gut an.

Es sind zahlreiche andere Wege in den Tod denkbar, etwa dieser:“ „Ich fälle die Entscheidung, einen assistierten Suizid zu vollziehen, bestimme den Zeitpunkt und die Umstände dafür kurz vor meinem Lebensende, treffe die nötigen Absprachen. Dafür muss ich nicht ins Hospiz, das ja genau dort ansetzt, wo ich aufhören will. Hospizliche Begleitung will Lebensqualität, die höchstmögliche bis zum Schluss bei bestmöglicher Symptomkontrolle. Ich steige aus dem Leben aus, bevor es von selbst zu Ende geht und quäle mich nicht mehr mit meiner Krankheit und ihren Folgen bis zum natürlichen Ende herum. Die Suizidentscheidung ist ein definitiv anderer Weg mit anderen Formen des Abschiednehmens und der Begleitung. Genau darüber werde ich mit der Familie und Freunden sprechen und die letzten Dinge selbst regeln.“

Meiner Meinung nach ist es die Entscheidung für einen Weg, basierend auf dem Nachdenken über persönliche Bedürfnisse und Wünsche, die nicht nur dem Sterbenskranken, viel Leiden erspart. Das ist kein Plädoyer für ein Handeln mit Scheuklappen. Es ist der Appell, in sich hinein zu lauschen, den Blick nach innen zu richten und das Wahrgenommene dann in die Welt zu holen, zu formulieren, zu manifestieren… vorläufig, wie eben alle Vorstellungen, die in die Zukunft gerichtet sind, vorläufig sind.

Groß ist die Verführungskraft der Todesangst, die für Klaus im Gewand der ewigen Zweiflerin auftritt, die lieber alle Hintertüren offenlassen will. Vermieden wird, eine klare Entscheidung für den eigenen, letzten Weg zu fällen. Oft ist das auch gar nicht möglich, weil uns der Tod mitten im Leben erwischt ..- ohne jede Vorbereitung. So oder so: Wir könnten eine Grundsatzentscheidung fällen:“ „Ich stehe zu dem, was von Moment zu Moment geschieht nehme es, wie es kommt.“ Jetzt hat die Zwietracht des Zweifels, die eine mentale Quälerei ist, keinen Angriffspunkt. Ums Loslassen kommen wir am Lebensende nicht herum und nicht nur da. Das ist nie einfach. Aber unnötig schwer machen, müssen wir es uns auch nicht.

Als Anregung folgende Frage: Wie stelle ich mir meinen Weg aus diesem Leben vor, und zwar so, dass ich gut aufgehoben bin und in Frieden bis zuletzt leben kann? Ich hab` das für mich notiert, aber am Ende meiner Notizen angemerkt, dass alles auch ganz anders kommen darf, weil der Tod eben unberechenbar ist. Es ist sowas wie sich festlegen und loslassen. Das gibt ein Gefühl von Freiheit, die sich echter anfühlt, als Hintertüren aufzulassen.

Ich gehe davon aus, dass Klarheit, eindeutige Entscheidungen und dazu das Vertrauen in den Sinn von allem, was innerhalb des realisierbaren Rahmens geschieht, in einem kaleidoskopähnlichen Zusammenspiel am Lebensende mehr Lebensqualität bescheren. Ankommen im Setting, das für mich da ist, beruhigt die Seele, vor allem, wenn ich es selbst wählen darf. Es hilft mich innerlich auszubalancieren. So kann ich mich im Jetzt einrichten, vielleicht öfter den Blick in die eigene Mitte richten und mich auf die bevorstehende Reise aus dem Körper vorbereiten, wenn möglich Fürsorge, Liebe und Mitgefühl annehmen und geben. Wenn andere Umstände eintreten, ist das so. Es gibt eben keinen Garantieschein. Da hilft es, umzuschalten, Pläne loszulassen, keinen Widerstand zu leisten und zu nehmen, was gerade ist. Vielleicht kommt der Tod dann zur rechten Zeit als Freund?


Auf unserer Plattform elysium.digital finden Sie im Menü unter Leben bis zuletzt das Stichwort Vorsorge mit vielfältigen Informationen und Hinweisen, z.B. zur Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, dem spirituellen Testament und mehr.

Anleitungen und Vordrucke zur Regelung der letzten Dinge finden Sie unter diesem Link:
Afilio – die Vorsorgeplattform: https://www.afilio.de

Wichtige Links zum assistierten Suizid und neusten Stellungnahmen. Dieses Thema wird jetzt verstärkt öffentlich diskutiert werden.

Zusammenfassung der Kernaussagen der Stellungnahme 2021 der DGP:

Lisa Freund
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