Sterbe- und Lebensbegleitung in Zeiten von Corona

Ursula Richard im Gespräch mit einem Ehrenamtlichen Begleiter in Krisenzeiten

Ursula Richard

Alte Menschen gelten als Corona- Hochrisikogruppe. So gab es während des Shutdowns und gibt es in Alten- und Pflegeheimen bis heute sehr starke Einschränkungen, was Besuche und Kontakte der Bewohner*Innen betrifft. Menschen in Heimen sind auf einmal noch isolierter und einsamer, als sie es zuvor vielleicht schon waren. Und sie sterben noch einsamer. Während in Heimen und Hospizen die Arbeit der Ehrenamtlichen in der Zeit des Corona- Shutdowns gänzlich eingestellt wurde, hörte ich von einem Bekannten – wir kennen uns seit Jahren – dass er während des Shutdowns ehrenamtlich Sterbende im Heim begleitet. Neugierig geworden, bat ich ihn um ein Interview für Elysium digital.

(Das Gespräch wurde im Juni 2020 geführt. Die Namen im folgenden Interview sind anonymisiert.)

Ben, du hast vor zwei Jahren eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Hospizhelfer gemacht und dich dann entschieden, Sterbende in einem Pflegeheim zu begleiten. Was waren für dich die Gründe, nicht in einem Hospiz oder im häuslichen Bereich, sondern in einem Heim helfen zu wollen?

Das war keine Entscheidung. Ausgebildet wurde ich von einem Hospiz, das Menschen ambulant, das heißt in Pflegeheimen, Krankenhäusern oder zu Hause in ihren letzten Tagen oder Wochen betreut. Meine erste Begleitung führte mich in ein Pflegeheim. Noch während dieser ersten Begleitung wurde ich gefragt, ob ich noch eine zweite Begleitung im selben Haus übernehmen könne. Diese zweite Begleitung endete noch vor der ersten. Wieder wurde ich gefragt, ob ich nicht zusätzlich eine weitere Begleitung übernehmen könne. So ergab es sich, dass ich in den vergangenen 20 Monaten eine oder meistens zwei, manchmal auch drei Begleitungen im selben Haus hatte und sich daher nie die Frage nach anderen Formen der Begleitung stellte. Sehr gerne hätte ich Menschen in ihrer häuslichen Umgebung betreut, hätte gerne eine Sitzwache übernommen und gerne auch andere Pflegeeinrichtungen oder Krankenhäuser kennen gelernt. Das hat sich bisher nicht ergeben.

In den vergangenen Monaten habe ich neben meiner eigentlichen Arbeit im Heim, der Sterbebegleitung, noch eine andere Tätigkeit, die ich „Lebensbegleitung“ nenne: Wenn ich einen Herrn, den ich im Sterben begleitet habe, mit dem Rollstuhl oder im Bett in den Garten und damit in die Sonne geschoben habe, habe ich nebenbei meist noch zwei oder drei andere Heimbewohner*innen ohne erkennbare Angehörige mitgenommen und unterhalten. Oft kam es vor, dass ein zu begleitender Mensch in einem Doppelzimmer lebte. Da ergab es sich, dass ich mich auch um Zimmernachbarn kümmerte.

Symbolfoto / copyright: smartphone-1987212 / pixabay.com

Das war streng genommen gegen die Regeln – wir wurden während unserer Ausbildung ermahnt, uns nur und ausschließlich den Menschen zu widmen, zu denen wir gerufen wurden. Aber im Laufe der vielen Monate, die ich ins Heim ging, bin ich mit etlichen Bewohner*innen ins Gespräch gekommen. Irgendwann hat mir Herr B von seiner kürzlich verstorbenen Tochter erzählt, Frau T habe ich mit dem Rollstuhl in die Apotheke geschoben, um Hornhautpflaster zu besorgen, mit Herrn A habe ich ein Eis gegessen und mit Frau F Kreuzworträtsel gelöst.

Am 16. März hat das Pflegeheim strenge Regeln für den Besuchsverkehr erlassen bzw. jeglichen Besuch untersagt. Die Kunsttherapeutin durfte nicht mehr kommen ebenso wie die Musiker und die Clownin, nicht einmal die Seelsorgerin durfte in den Pflegebereich, von Friseurin, Fußpflegerin und Physiotherapeut*innen ganz zu schweigen. Auch der Einsatz von Leasing-Kräften war seit Mitte März, während des Shutdowns, nicht mehr erlaubt. Erkranktes Personal wurde bis dahin von Leih-Personal ersetzt. Jetzt mussten die fest angestellten Pfleger*innen eben mehr arbeiten.
Um den Schaden im Falle des in das Haus eindringenden Virus zu begrenzen, wurden alle vier Wohnbereiche des Hauses strikt voneinander isoliert. Zudem wurde jede Station in drei Teilbereiche unterteilt. Die jeweiligen Bewohner*innen ebenso wie das Personal sollten die anderen Wohnbereiche nicht betreten.
Zu dieser Zeit hatte ich drei Begleitungen in allen drei Teilbereichen eines Wohnbereiches. Es wurde einen halben Tag lang überlegt, wie mit mir verfahren werden sollte: Zur Diskussion stand das totale Zutrittsverbot, der Abbruch von zwei der drei Begleitungen und der tageweise Zugang – montags Frau H in Bereich A, dienstags Frau M im Bereich B, mittwochs Frau W im Bereich C, donnerstags wieder Frau H und so weiter.
Aber weil schon in kürzester Zeit das ganze Elend, der Frust und die Einsamkeit in den Bewohner*innen Spuren hinterlassen hatte, wurde mir der Zugang zu einem der Wohnbereiche gewährt. Dies ging nur, weil ich versprach, mich an die strengen hygienischen Vorgaben zu halten und meine privaten Kontakte auf das äußerste Minimum zu reduzieren. Seitdem hatte ich an fünf oder sechs Tagen in der Woche Sterbe- und Lebensbegleitung.

Musstest du dich dafür in besonderer Weise schützen? Wie bist du mit den zusätzlichen Einschränkungen zurechtgekommen?

Hauptsächlich habe ich mich in eine soziale Quarantäne begeben, außer meiner Frau niemanden in meine Nähe gelassen und beschlossen, in diesem Schuljahr nicht mehr in der Schule zu arbeiten. Dort teile ich mir seit Jahren mit meiner Frau einen Arbeitsplatz in der Schulbücherei, die sie in den verbleibenden Monaten bis zu den Sommerferien gut alleine betreuen konnte. Sie geht die Arbeit mit äußerster Vorsicht an. Es dürfen jeweils nur zwei Kinder in die Bücherei, niemand darf dort verweilen oder etwas anfassen.

Meine Sorge war, das Virus irgendwo aufzuschnappen und ins Pflegeheim zu schleppen. Im Heim selbst habe ich mir zwanzig Mal am Tag die Hände desinfiziert, auf den Gängen und im Hof einen Mundschutz getragen und zu allen Menschen ausreichend Abstand gehalten. Aber sobald ich mit den Bewohner*innen im Zimmer war, habe ich den Mundschutz abgenommen, Menschen umarmt, gestreichelt, massiert und sehr viel Händchen gehalten.

Wie sind die Heimbewohner*innen damit umgegangen, auf einmal keine Besuche mehr zu bekommen? Hat das Pflegepersonal die größere Einsamkeit kompensiert?

Hinter den Bewohner*innen liegen acht sehr schwer zu ertragende Wochen. Von einem Tag zum anderen waren sie nicht nur von ihren Angehörigen und Freunden abgeschnitten, zusätzlich wurden sämtliche die Pflege begleitenden Aktivitäten wie Singen, Malen, Bingo, Seelsorge, Fußpflege, Friseurtermine eingestellt.

Auch in den Stationen wurden die Bewohnerinnen voneinander isoliert. Vor dem 16. März wurden die Mahlzeiten gemeinsam an Vierer-Tischen eingenommen, wobei die Stationsleitung darauf geachtet hat, dass jeweils Menschen zusammensaßen, die menschlich bzw. vom Grad ihrer Einschränkung her zusammenpassten.
Am 17. März wurde die Station nach Lage der Zimmer in drei Bereiche aufgeteilt, die durch schwere Brandschutztüren streng voneinander getrennt waren, was dazu führte, dass sich Menschen, die seit Jahren miteinander an einem Tisch saßen, sich in vielen Wochen nicht mehr begegnet sind. Das heißt, dass sie auch ihre Mahlzeiten alleine an über die ganze Station verteilten Tischen einnehmen mussten.

Zudem haben Bewohner*innen, die im Wesentlichen bettlägerig waren, aber vom Pflegepersonal halbtageweise aktiviert, in den Rollstuhl gehoben und in den Aufenthaltsraum geschoben worden sind, wochenlang ihre Zimmer nicht verlassen. Somit hatten Sie in dieser Zeit fast keinerlei Ansprache.

Zu dem ganzen Elend kam noch der hohe Krankenstand beim Pflegepersonal hinzu. Wie schon erwähnt, durften seit Beginn der Corona bedingten Einschränkungen wegen des hohen Infektionsrisikos krankheitsbedingte Ausfälle nicht mehr von Leasing-Kräften kompensiert werden, was zu großer Überlastung und Ausfällen bei den Festangestellten führte. Inzwischen müssen sogar die Betreuungsassistent*innen in der Pflege mithelfen. Sie finden keine Zeit mehr für ihre eigentlichen Aufgaben, beispielsweise mit Bewohner*innen in den Garten gehen oder fahren, für sie einkaufen, die Armbanduhr reparieren lassen, Bingo spielen oder gemeinsam musizieren und mehr.

Als die Beschränkungen gelockert wurden, waren wieder Besuche der Angehörigen erlaubt, offiziell begrenzt auf eine halbe Stunde pro Woche bei ausreichendem Abstand zueinander und mit Mundschutzpflicht. Der Besuch fand an eigens dafür aufgestellten Tischen im Garten statt. Die Bewohner* innen wurden vom Personal mit dem Rollstuhl an einen Tisch gefahren, weil die Angehörigen nicht einmal die Griffe des Rollstuhls anfassen durften.

Da es aber anders als im Gefängnis im Heim keine Wachen gibt, sah ich immer wieder Töchter oder Schwestern, die ihren Müttern bzw. Angehörigen den Kopf massieren, die Fingernägel lackieren, ihnen Essen reichen oder einfach nur die Hand halten … die ersten winzigen Schritte in Richtung Normalität. Die Stimmung auf der Station bleibt jedoch weiterhin sehr bedrückend.

Wie hat Corona das Sterben im Heim verändert?

Von meinen Kolleg*innen im ambulanten Hospiz habe ich erfahren, dass in den vergangenen neun Wochen niemand mehr für eine Begleitung angefordert wurde, aber auch kaum eine Hospizhelfer*in bereit gewesen wäre, eine solche Begleitung zu übernehmen. Auch im Pflegeheim sind in den vier Wohnbereichen, zu denen ich zur Zeit keinen Zugang habe, Menschen ohne Hospizbegleitung gestorben.

In „meinem“ Wohnbereich haben sich das eigentliche Sterben und die Sterbebegleitung in Zeiten von Corona nicht verändert. Bei zwei Sterbeprozessen hat die Stationsleitung erlaubt, dass jeweils eine Angehörige unter großem Aufwand (mit Schutzkleidung, Gesichtsmasken und einem Mindestabstand von zwei Metern) die sterbende Person besuchen durfte. Ich habe meine Begleitungen ohne Einschränkungen durchgeführt.

Allein die ungewöhnlich hohe Zahl von Todesfällen im Mai lässt vermuten, dass es auch einen Zusammenhang geben könnte zwischen dem Besuchsverbot mit all seinen Folgen und dem Sterben einzelner Bewohner*innen. Niemand im Heim ist direkt am Virus gestorben. Aber allein zwei der Frauen, die ich begleiten konnte, haben schon wenige Tage nach Beginn der Isolation die Nahrungsannahme verweigert. Sie wollten sich nicht mehr in den Rollstuhl heben lassen. Innerhalb weniger Wochen sind sie gestorben.

Wie hat Corona deine Arbeit mit Sterbenskranken verändert?

Corona hat nur indirekt meine Arbeit verändert, da ich durch die plötzliche Schulschließung viel mehr Zeit als zuvor hatte und diese den Sterbenden und den Bewohner*innen im Pflegeheim schenken konnte.

Hat Corona deine Sicht auf Sterben und Tod verändert?

Nein.

Jetzt gibt es ja Lockerungen und mancherorts hat man das Gefühl, alles sei wieder so wie vor Corona. Aber du musst ja weiterhin sehr vorsichtig sein, um dich nicht anzustecken und damit das Virus ins Heim zu tragen. Wie gehst du mit den neuen „Freiheiten“ um?

In den vergangenen Wochen habe ich eine regelrechte Paranoia entwickelt. Ich meide größere Straßen und bin trotzdem immer wieder fassungslos, wenn ich merke, wie dicht die Menschen an mir vorbei gehen und wie immer öfter Mundschutzpflicht und Abstandsregeln verletzt werden. Auch die bereits erfolgten – sowie die angekündigten Lockerungen der Corona-Beschränkungen bereiten mir erhebliches Unbehagen, weil mit Ihnen die Diskrepanz zwischen dem Draußen und dem Drinnen wächst – Draußen wird wieder gefeiert, Restaurants, Kneipen, Fitness-Studios öffnen oder sind bereits geöffnet, während die alten Menschen in Pflegeeinrichtungen auf absehbare Zeit isoliert bleiben.

Elysium.digital sagt danke für dieses Interview.


Haben Sie auch besondere Erfahrungen gemacht in Pflegeheimen oder Hospizen in Corona-Zeiten?

Melden Sie sich gerne bei uns: redaktion@elysium.digital.

Ursula Richard
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