Riten des Übergangs

Zwölf Aspekte für die Gestaltung von Ritualen in der Sterbebegleitung

12. Kleine Textsammlung

Ansprache einer Kerze

Ihr habt mich angezündet und schaut – ein wenig nachdenklich oder versonnen – in mein Licht. Vielleicht freut ihr euch auch ein bisschen dabei. Ich jedenfalls bin beglückt darüber, dass ich brenne. Wenn ihr mich nicht angezündet hättet, dann läge ich jetzt in einer Schachtel herum, mit vielen anderen Kerzen, die auch nicht brennen. Wenn ich in einem Karton liege, habe ich keinen Sinn. Einen Sinn habe ich nur, wenn ich brenne.

Und jetzt brenne ich. Aber seit ihr mich entzündet habt, bin ich schon ein bisschen kürzer geworden. Das ist schade. Ich kann mir jetzt schon ausrechnen, wann ich so kurz sein werde, dass nur noch ein kleines Stümpfchen von mir übrig ist. Schließlich werde ich ganz verlöschen.

Es ist nämlich so: Für mich gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich bleibe ganz und unversehrt im Karton, dann werde ich nicht kürzer und ich habe keine Aufgabe. Ich weiß dann nicht, was ich eigentlich auf dieser Welt soll. Oder ich gebe Licht und Wärme, dann weiß ich, wofür ich da bin. Wenn ich für dich leuchte, dann muss ich etwas von mir geben. Ich gebe mich selbst. Das ist viel schöner als kalt und sinnlos in einer Schachtel herumzuliegen.

So ist das auch bei euch Menschen – genau so.

Entweder du bleibst ganz für dich – dann passiert dir auch nichts. Du weißt dann auch nicht so recht, welchen Sinn dein Leben hat. Du weißt dann nicht, warum du eigentlich hier bist. Dann bist du wie eine Kerze im Karton. Oder aber du spendest Licht und Wärme. Dann hast du einen Sinn.
Dann freuen sich andere Menschen, dass es dich gibt. Dann bist du nicht vergebens da. Aber dafür musst du etwas geben, etwas von dir selber, von allem, was in dir lebendig ist: von deiner Freude, deiner Herzlichkeit, deiner Treue, deinem Lachen, deiner Traurigkeit, deinen Ängsten, deinen Sehnsüchten, von allem, was in dir ist. Du brauchst keine Angst zu haben, wenn du dabei ein wenig kürzer wirst. Das ist nur äußerlich. Innerlich wirst du dadurch viel heller.

Denke ruhig daran, wenn du eine brennende Kerze siehst, denn solch eine Kerze bist du selber.

Ich bin nur eine kleine, einzelne Kerze. Wenn ich allein brenne, ist mein Licht nicht groß, und die Wärme, die ich gebe, ist gering. Ich allein, das ist nicht viel. Aber mit anderen zusammen wird unser Licht groß und strahlend. Und die Wärme, die wir geben, ist kraftvoll und heilsam.

Bei euch Menschen ist das genauso. Einzeln ist euer Licht nicht so gewaltig und die Wärme ist klein. Aber zusammen mit anderen, spendet ihr viel Licht und große Wärme. Und das ist ansteckend.

Verfasserin unbekannt

2. Widmung, die man zum Abschluss eines Rituals sprechen kann.

Mögen alle Wesen Glück erfahren und die Ursachen von Glück,
Mögen alle frei sein von Leid und den Ursachen von Leid,
Mögen alle niemals getrennt sein von der großen Glückseligkeit, die frei ist von Leid,
Mögen alle in Gleichmut verweilen,
frei von Leidenschaft, Aggression und Vorurteil.

angelehnt an eine tibetisch -buddhistische Tradition /Praxistext

Lisa Freund
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Eine Antwort

  1. 1. November 2016

    […] Uller Gscheidel erläutert, dass Rituale eine Gemeinschaft schaffen und Übergänge erleichtern. Aus der Sicht des Bestatters schreibt er, worauf man unbedingt achten sollte. In unserem Menu finden Sie  unter der Rubrik Rituale weitere Artikel zur Gestaltung einer Trauerfeier ebenso wie einen Überblickstext zum Thema Riten des Übergangs. […]

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