„Schau auf das, was zählt“

Die Geschichte von James, erzählt von Sibilla Brombach

Sibilla Brombach

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Sibilla Brombach-Lersch ist Jahrgang 1943 und hat zusammen mit ihrem Mann Josef und zahlreichen Mitstreitern 1990 ein kleines Hospiz mit acht Betten neben ihrem Wohnhaus gegründet, aus dem später ein größeres Pionierprojekt der deutschen Hospizbewegung wurde, das heutige Elisabeth-Hospiz in Lohmar-Deesem. Sie hat mehr als 2000 Menschen durch den Tod begleitet. Mit weitem Herzen und voller Mitgefühl, war sie immer da, wenn sie gebraucht wurde. Wir haben ihr einen eigenen Platz in ED gegeben, an dem Sie uns teilhaben lässt an ihren Erfahrungen und Einsichten. Sie wird immer wieder mit Veröffentlichungen dabei sein.
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James hat Aids im Endstadium, als er zu uns kommt. Das ist Anfang der 90iger Jahre. Die Uniklinik hat angerufen. Er sei schwierig – ein HIV-Patient. Er lasse sich nicht waschen und er spucke auf den Boden; eine komplizierte Persönlichkeit, ein Mann mit tief schwarzer Hautfarbe.

tantetati_pixabay-candle-968244_1920„Sie sehen ihn gar nicht als Menschen“, denke ich. Es stimmt alles, er spuckt auf den Boden, verweigert das Waschen, hält den Kopf gesenkt, ist stinksauer auf die Welt. Mein ältester Sohn hat gleich einen guten Kontakt zu ihm. Er fragt ihn, ob er nicht mal baden wolle. James antwortet: „Wenn ich bade, dann nur mit Joint und Champagner.“ Wir besorgen alles. Damit hat er nicht gerechnet. Wir machen ein kleines Fest draus. Er will, dass ich seine Musikkassetten hole. Tobias, unser Sohn, hilft ihm in die Wanne, legt die Kassetten ein. Wir haben ein Foto von James, wie er in der Wanne liegt: viel weißer Schaum, mittendrin, das schwarze Gesicht mit den leuchtend weißen Zähnen. Er strahlt, aalt sich im Wasser, hört seine Musik. James badet fast zwei Stunden. Währenddessen ist er bei uns angekommen. Seither fühlt er sich im Hospiz geborgen und geachtet.

Seine Freunde kommen, besuchen ihn und ich frage sie: „Was hat er denn eigentlich gemacht?“ Sie erzählen, dass er ein großartiger Jazzmusiker ist, zeigen mir ein Plakat. Darauf sieht man einen Zug, der rückwärts fährt. So hat er seinen 50igsten Geburtstag gefeiert, sozusagen im Voraus, obwohl er erst 47 Jahre alt geworden ist. Er will seiner eigenen Zeit, wenn er geht, ein Stückchen voraus sein. „Ich frage in die Runde: „Können wir nicht mal mit ihm an den Ort gehen, wo er gespielt hat? Die Freunde sagen begeistert: „Das können wir arrangieren!“

Ich spüre, wir sollten für James vorher ein Fest im Lichthof (unser Wintergarten, der unmittelbar ans Hospiz grenzt) organisieren. Das haben wir getan. Seine Freunde haben für ihn musiziert. Hospizgäste, auch eine alte Dame mit über neunzig Jahren, ist dabei. Es ist ein lebendiges, großartiges Konzert. Ein Freund von James, Inhaber einer bekannten Nachtbar in der Kölner Südstadt, lädt ihn danach ein: „James, du musst unbedingt wieder auf unsere Bühne. Du hast so oft für uns gesungen und gespielt. Sing noch Mal für uns, bitte.“ James  nimmt die Einladung an.

Wir trommeln seine Freunde von überall her zusammen, sogar aus Frankreich. Es muss schnell gehen, denn wir wissen: Seine Lebenszeit läuft aus. Am Tag, an dem James das Konzert geben soll, bereiten sich einige von uns für den ungewöhnlichen Ausflug vor. Zunächst geht es um die Kostümierung. Die 90jährige alte Dame, die Zimmernachbarin von James im Hospiz, will mit. Sie macht sich richtig schön für die Nachttour nach Köln, lässt sich frisieren, sucht ihren Nerzmantel heraus. James steigt in seinen Künstlerdress. Die Vorbereitung auf den Ausflug ist schon ein kleines Fest. Zur Stärkung gibt es Koteletts mit Kartoffelsalat.

Nachts kommen wir in Köln mit dem behindertengerechten Kleinbus an. Wir steigen hinab in den Untergrund des Jazzkellers. Im Lokal, fragt James als erstes: „Wo ist meine Zahnbürste?“ und „Wie viel Eintritt wird hier genommen?“ James will, dass es ein richtiges Konzert ist. Alle, die hier sind, kennen ihn. Seine Freunde haben das Konzert liebevoll organisiert, um ihn ein letztes Mal zu hören. Das tut James so gut. Er hat sich auf den Auftritt vorbereitet, ist nervös. Die alte Dame, schiebt ihn im Rollstuhl im Nerzmantel auf das Podest der Bühne. Das alles ist ein bisschen wie bei Loriot.

Es wird eine lange Musiknacht. Um 23.00 Uhr geht es los. James nimmt das Mikrofon in die Hand. Er hat mehr gehaucht als gesungen. Mit seinem Gesang zaubert er mir eine Gänsehaut auf die Haut. Ich hab so ein Bild, als wäre ein Lichtschein hinter ihm gewesen. Es ist eine sehr dichte Atmosphäre, einige weinen, alle sind tief berührt. Wir sind wie eine Familie mit ihm. Als ich ihm am Ende seines Auftritts Blumen bringe, will er sie nicht. Etwas will er mir sagen, findet aber keine Worte. Erst morgens um Fünf kommen wir nach Hause. Glücklich und lachend, gehen James und die alte Dame zusammen ins Hospiz.

James ist zu meinem Meister geworden. Kurz vor seinem Tod hab ich ihn gefragt, ob er einen Medizinmann aus Afrika treffen möchte, der gerade in Köln ist. James spricht mit dem Schamanen am Telefon, dabei feixt er mir zu. Ich habe das Gefühl, James braucht schöne, elegante Bettwäsche. Die hole ich von Benedict, meinem Sohn. Die Bettwäsche hat Streifen. James mag sie. Er sieht darin sehr edel aus.

Ich hab noch nie einen Afrikaner betreut. Man sieht den Tod im Gesicht nicht so kommen. Ich merke, er will mir etwas mitteilen, weiß aber nicht was. Ich habe das Gefühl, er braucht etwas und mache ihm Angebote. Ich frage ihn: „Willst du potatoes?“ Er sagt: „Yes.“ Als ich sie bringe, macht er eine Geste, die eindeutig heißt: „ Geh!“. Ich bringe die Kartoffeln wieder in die Küche. Danach will er Gemüse. Ich bereite es für ihn zu. Als ich es bringe,  schickt er mich mit einem harten „Go!“ unwirsch weg. Er verlangt jetzt Fleisch. Ich eile in die Küche. Als ich ihm schließlich ein gebratenes Rindersteak bringe, lacht er nur und schickt mich mit einem barschen „Go!“ wieder weg. Ich verstehe nicht, was er will. Ärgerlich, ziehe ich mich für eine halbe Stunde zurück. Dann gehe ich wieder zu ihm ans Bett. Jetzt löst er das Rätsel, lächelt mich an und sagt leise: „Sibyll, all I need is love.“ Er braucht die Speisen nicht.

Nach einer Weile schaut er mich mit großen Augen an und flüstert: „ Sybill, now I am going. Please bring me a candel, a big candel, Sybill, a big candel.“ Ich finde sofort eine dicke Kerze und bringe sie ihm, zünde sie an. Ich spüre: Es ist alles da, was wir brauchen. Dann bittet er mich um ein kleines Gebet. „A little prayer Sibyll, just a little prayer!“ James hält mit einer Hand die Kerze fest, mit der anderen meine Hand. Josef, mein Mann, ist auch dabei. So stirbt James, während wir beide beten mit einem Lachen auf dem Gesicht, so als amüsiere er sich darüber, dass ich ihm kurz vor seinem Tod noch einen Medizinmann aus Afrika schicken will …

Nach seinem Tod waschen wir ihn, kleiden ihn ein letztes Mal schick, schmücken ihn und gestalten eine Abschiedsfeier mit seinen Freunden, Hospizgästen und Mitarbeitern – mit vielen Kerzen und Blumen. Während er in unserer Mitte liegt, erscheint er mir wie ein Edelstein. Das heißt, er ist vom Edelsten. In der Dunkelheit strahlt ein Edelstein, wenn Licht auf ihn fällt, in aller Schönheit. Wir haben das Gefühl: James ist für uns alle im Hospiz ein leuchtendes Juwel.

James ist in Frieden gestorben. Ich hab verstanden, was er mir sagen wollte: „Schau nicht auf die belanglosen Dinge, sondern auf das, was zählt. Das ist die Liebe.“ In diesem Sinne ist er ein wichtiger Lehrer für mich.

(Notiert von Lisa Freund)

 

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