Auf und davon … Wer war Michael? Wie lebte er mit uns?

Heidi Matzel schreibt über ihren Sohn, der sich im Alter von 26 Jahren das Leben nahm

Heidi Matzel

Heidi Matzel beschreibt ihren Sohn, sein Leben vor dem frühen Tod. Es ist Michael, der sich im Alter von 26 Jahren das Leben nahm. Er ist ein lebenslustiger Menschen, liebt Abenteuer und Sport, ist überall beliebt. Er hat viel Erfolg. Doch dann legen sich die Schatten der Schwermut über ihn und alles wird anders. Sein Suizid wirft Fragen auf, die in den Köpfen kreisen, seiner Mutter, seiner Familie. Sein Verlust schmerzt. Schuldgefühle drängen sich ins Bewusstsein. Die Mutter versucht, den Sohn zu verstehen, von innen heraus. Sie lesen einen Auszug aus einem Erfahrungsbericht, der in den 90er Jahren besonders mutig war. Heidi Matzel wagte sich in eine Tabuzone hinein. Mit großer Aufrichtigkeit und ganz authentisch schreibt sie, die kein Schreibprofi ist, wie sie empfindet. Das hilft ihr in der Trauer und gewährt uns berührende Einblicke und Einsichten in ein Thema, das viele unbeantwortete Fragen aufwirft.

Am 29.7. wurde er geboren – sehnsüchtig erwartet, mit viel Freude, begrüßt von uns Eltern, Großeltern, deren erstes Enkelkind er war, und einer großen Verwandtschaft. Sein Zuhause war 23 ¼ Jahre ein gemütliches Häuschen im Süden von Berlin. … Er war ein fröhliches, sehr aktives Kind. Hatte immer Pläne und Ideen. Baute sehr gerne, trieb ganz verschiedene Sportarten. Schließlich wurde das Surfen seine Lieblingsbeschäftigung. Anderthalb Jahre später kam sein Bruder auf die Welt.

Michael konsumierte keine Drogen, rauchte nicht, trank wenig Alkohol. Wir hatten all die Jahre keine finanziellen Sorgen und ich bin heute froh, dass er in seinem viel zu kurzen Leben doch vieles erleben konnte, dass es ihm möglich war, sich auszuprobieren, wagemutig verschneite Hänge auf Skiern runter zu sausen, oder durch hohe Wasserwellen surfend in die Sonne zu blinzeln. – Eine sehr glückliche Kindheit und Jugendzeit. Stolz konnte er auf sich sein, wie zum Beispiel auf das gute Abitur nach einer leichten Schulzeit, in der er, ohne zu üben, oft Klassenbester war.

Nach bestandener Drucker-Lehre wurde ihm gleich eine große, wertvolle Maschine zur Verantwortung übergeben. – Er spürte die Achtung der Kollegen, die er als Lehrling vermisst hatte. Er freute sich über die neue Qualität der Zusammenarbeit, mit den manchmal etwas „rauen“ Typen. Ehrgeizig wollte er immer gut sein. Bald entstand so der Wunsch noch zu studieren. Glücklich war er, als die Zusage von der Hochschule der Künste kam, das Numerus-clausus-Fach „Kommunikationswissenschaften“ studieren zu dürfen …

Er war überall anerkannt, beliebt und durchaus selbstbewusst. Er konnte gut für sich sorgen, klar argumentieren, war schon früh selbstständig.

Da wir eine reiselustige Familie sind, ist er auch oft mit uns durch die Welt gefahren, später dann vielfach mit Gruppen… Gleich nach dem Abitur trampte er mit dem Rucksack allein durch den Süden Europas, traf unterwegs Freunde und Bekannte. … Wir konnten uns immer auf ihn verlassen. Der Wunsch ein eigenes Wohnmobil zu besitzen, ließ sich erfüllen. Wir kauften einen alten VW-Bus und schnell hat Michael ihn mit der Hilfe des Vaters aus- und umgebaut. Den Austauschmotor hat er ohne jede Hilfe nach einem Buch eingebaut. Es wurde ein optimales Reiseauto….

Ja, er war begabt, kreativ, richtig gut, nicht nur in der Schule. Oft hat er die Leute verblüfft mit seinem Wissen und mit seinem logischen Denken. … Immer war er liebenswert, trennte sich nie im Streit. …

In Deutschland bieten zahlreiche Telefonseelsorgestellen anonyme Beratung 24 Stunden am Tag unter
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Nach einem Schwedenurlaub wünschte Michael sich ein Surfbrett und bekam es auch. … In manchen Jahren war es für ihn das allergrößte Vergnügen, wenn er an Heiligabend surfen gehen konnte. Wir schauten bibbernd zu. Sein Ideenreichtum kannte keine Grenzen. In einem kalten Winter wurde zum Beispiel eine Klingel an dem Surfmast montiert, das Segel eingezogen, Schlittschuhe wurden angezogen und ab ging die wilde Fahrt über die zugefrorene Havel.

Michael war ein fröhlicher, leistungsstarker, junger Mann, der sensibel auf alle Erlebnisse reagierte.

War seine Krankheit wie ein Herzinfarkt oder eine Infektion? Ich möchte zu gerne die Zusammenhänge klären können.

Wird jedem Menschen die Lebenszeit bei der Geburt bestimmt?

Im 26sten Lebensjahr ist er gestorben.

War sein Leben vollendet?

– S i c h e r  n i c h t –

Er konnte sich so stark freuen, so tief traurig sein. Sein Gesicht zeigte so offen, was er gerade fühlte. …

Wir vermissen ihn sehr. …

Sechs Wochen lang beobachteten wir ihn mit größter Sorge, spürten deutlich seine Gedanken: „Wie töte ich mich?“ – oder „Schaffe ich es vielleicht doch noch?“ – Er war so erschöpft, so kraftlos, zu keinem Gedanken fähig, konnte die einfachsten Dinge nicht mehr. – Konnte andere Menschen schwer ertragen – zum Beispiel Gedränge in der U-Bahn überhaupt nicht – konnte im Supermarkt nicht mehr für sich einkaufen, konnte keine Entscheidungen mehr treffen.

 

SEINE KRAFT WAR VERBRAUCHT.

Nur die Entscheidung:

Nicht mehr denken.

Nicht mehr sich so quälen müssen.

Nicht mehr sich durch die Worte anderer verletzen lassen.

NICHT MEHR LEBEN WOLLEN.

Diese Entscheidung hat er getroffen – in dieser augenblicklichen Situation.

Bitter frage ich mich: „Hatte er eine Chance gesund zu werden?“…

Alles lief gut, bis circa acht Wochen vor seinem Tod. In der Weihnachtszeit sprach er zu uns über Zweifel, Sinnfragen, stellte sein Können in Frage. Er wurde krank, quälte sich aber, weiter zu machen, wollte seine Mitstudenten nicht enttäuschen. Ein Video war gerade herzustellen. Zu viert arbeiteten die Studenten daran. Eine Studentin präsentierte diese Arbeit eines Morgens, spricht laut die vier Namen der beteiligen Studenten und hört aus der hinteren Ecke des Raumes: „Michael ist tot!“ – Sie konnte natürlich nur ganz schwer den Vortrag beenden. – Sie konnte nicht verstehen … Warum hat ihr das niemand gesagt? Unserer Mitteilung über seinen Tod war schon dort –  uns wurde lapidar geantwortet: „Es tut uns leid. Wir leiten die erforderlichen Schritte ein.“

Circa eine Woche später starb ein Professor des gleichen Studiengangs durch Suizid. Die Studenten irrten über die Flure – suchend – kein Aushang, keine Erklärung der verantwortlichen Pädagogen!

…  Ein unüberwindliches Tabu? Nach so unfassbaren Ereignissen ist es bestimmt für alle Beteiligten besser darüber zu sprechen, als alles einfach zu übergehen.

So kann sich der Dozent freuen, dass ich seinen Namen nicht weiß, der kurz vor Michaels Tod zu ihm sagte: „So begabt, wie Sie denken, sind sie nicht.“ Ich würde ihm heute gerne meine Meinung dazu sagen – aber ob ihn diese interessieren würde?

Ich schaue auf die gute alte Havel und erinnere mich: Ganz viele schöne Tage an der frischen Luft hatten wir hier gemeinsam – zu viert, um uns herum liebe Segelkameraden, unsere Söhne.

Michael fehlt uns immens, auch hier. Als wir im Frühjahr 1992 nach seinem Tod hierher kamen – unser Boot sollte ins Wasser – waren unsere Segelkameraden sehr unsicher und ratlos, wie sie mit uns umgehen sollten. Fast alle kannten Michael über 20 Jahre als fröhliches Mitglied. Keiner wusste, was er uns sagen könnte, wie überhaupt? Die meisten konnten nur einen großen Bogen um uns machen. – Es war für alle so schlimm. Keinem fiel etwas Angemessenes ein.

Ich saß einmal ganz allein auf der Wiese. Erste Sonnenstrahlen empfand ich als wohltuend auf meiner Haut, als Michaela, die mit meinem Sohn groß geworden war, auf mich zukam und mich fragte: „Willst du nicht mit uns eine Tasse Kaffee trinken?“ – „Ja“ – Es war eine ganz besondere Tasse Kaffee. Ich werde es nie vergessen, wie wir junge und alte Menschen schweigen da saßen und noch nicht über Michaels Tod reden konnten. Lefti sagte später einmal: „Auch wir mussten es verarbeiten.“  – Das verstehe ich heute gut.

… Nach Michaels Tod schien meine Trauer nicht mehr abnehmen zu wollen. Ich hatte keine Gedanken und Kraft für meinen Sohn Martin und meinen Mann Erwin. Beide versuchten mir zu helfen, wo und wie sie nur konnten. Trauerten die beiden doch auch um Michael.  Ich stand voller Schuldgefühle und Selbstanklagen verzweifelt, untätig, irgendwo. Ich konnte nichts, aber auch gar nichts tun außer im Kreis zu denken, wie ich nun mein Leben beenden kann. Ich wollte nicht mehr denken müssen…

Mein Sohn Martin sagte zu mir: „Erinnere dich was hatten wir gemeinsam? – Eine schöne Kindheit… – du musst auch ganz allein für dich leben wollen.“ Wie klug, aber ich konnte nichts davon umsetzen, nur Chaos um mich herum. – Dann schenkte mir Martin eine Kerze mit zwei Schmetterlingen darauf und sagte: „Wenn du dich wieder über einen Schmetterling freuen kannst, ist das Schlimmste vorbei.“ … Martin hatte so recht und so viel Kraft … Wie dankbar bin ich, diesen Sohn zu haben, der nun schon viele Jahre nicht mehr bei uns lebt.

Michael – gut, dass wir dich hatten! „Tschüs Mütterlein“, das waren die letzten Worte, die Michael an mich richtete. Ich lag im Bett. Er stand an der Schlafzimmertür: „Tschüs Mütterlein“, ich glaube, er wusste in diesem Augenblich, dass es für immer – für dieses Leben – sein musste. – Er blieb in der Tür stehen, berührte mich nicht. – Er wollte sich nicht festhalten lassen. – Wir konnten ihm nicht  helfen. – Wir hätten ihn so gerne behalten.

Einen Menschen zu beerdigen, der nicht so nahe steht, den man nicht so eng verbunden ist, das denke ich, ist leicht. Aber einen Sohn oder eine Tochter zu beerdigen ist sehr, sehr schwer. Ein Spruch fällt mir ein: Wer in bestimmten Situationen seinen Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.

„Hey, Mama“ – ich befürchte manchmal, diesen lieben Gruß von Michael aus meinem Kopf, meinem Ohr zu verlieren.

Das möchte ich nicht. Immer wird er in mir weiterleben.


Wir danken Heidi Matzel für die freundliche Genehmigung dieses Auszuges aus ihrem unten aufgeführten Buch, in dem sie sich mit dem Thema Suizid auseinandersetzt und ihre persönlichen Erfahrungen kreativ und informativ verarbeitet.

Quelle:

Heidi Matzel
Mein Sohn starb durch Suizid
Print on Demand
ISBN 3-8330-0177-1


Zur Autorin

Biografie

Heidi Matzel wurde 1940 in Berlin geboren. Seit 1964 ist sie verheiratet. 1966 wurde ihr Sohn Michael geboren und 1968 Martin. Nach der Geburt ihrer Söhne beendete sie ihre Tätigkeit als Raumausstatterin (Meisterin). Nach neunjähriger Kinderpause arbeitete sie als Erzieherin

Nach dem Tod von Michael absolvierte sie erfolgreich eine zweijährige Ausbildung zur Trauerbegleiterin und arbeitete viele Jahre in diesem Bereich. Sie war auch bis vor kurzem als ehrenamtliche Mitarbeiterin im Ricam-Hospiz in Berlin tätig, dem sie sehr verbunden ist.


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Jeder dritte deutsche Friedhof in kirchlicher Hand

 

Lisa Freund

Lisa Freund

Lisa Freund ist Mitgründerin von Elysium.digital. Die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod ist für mich immer wieder neu. Sie bewegt mein Herz und erweitert meinen Horizont.
Lisa Freund

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