„Papa, was ist, wenn etwas nicht mehr ist?“

Über die Lebenserfahrung eines Vierjährigen

Joseph Brombach

Joseph Brombach

Joseph ist Gründer des ersten unabhängigen stationären Hospizes in Deutschland. Viele Jahre hat er das Hospiz geleitet und weiterentwickelt.
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Der 4-Jährige Leo streicht langsam und zart mit seiner kleinen Hand über die Tischplatte zur Kante hin. „Papa, bis hier ist noch etwas.“ Er hält einen kurzen Moment inne und lässt dann die Hand über die Kante rutschen und schnell nach unten fallen. Er schaut seinen Vater etwas ängstlich fragend an: „Papa, und was ist, wenn etwas nicht mehr ist?“

Leo hatte mit am Küchentisch gesessen. Sein Vater unterhielt sich mit seinen Eltern darüber, wie einer seiner Patienten in sich zusammengesackt war, als ihm endlich klar wurde: Nichts ist mehr, wie es war. Der kleine Leo hatte im Inneren wohl intuitiv gespürt, was dem kranken Mann nebenan im Hospiz Angst machte. Er hat durch Wände hindurch seine bange Frage geahnt: Und was ist dann, was kommt dann, wenn etwas nicht mehr ist?

publicdomainarchive_pixabay_table-349678_1920-k1Der Vater wollte, konnte seinem Sohn nicht antworten. Er drückte ihn sanft an sich, nahm ihn zu sich auf den Arm und gab ihm Halt, keine Worte. Beiden entfleuchte ein leiser Seufzer.

Weisheit eines Kindes, das noch keine eigene Erfahrung damit hat, wie es einem zumute ist, wenn nichts mehr ist, wie es einmal war: Wenn Gesundheit sich auflöst, Hoffnung und Träume sich nicht mehr erfüllen, wenn Eltern sich trennen; wenn Mobbing eine bislang tragende Freundschaft zerstört, wenn schlussendlich der Tod einem alles aus der Hand schlägt, wo doch nach langem Kämpfen endlich eine Besserung zu kommen schien…

Mein kleiner Enkelsohn hat mit einer schlichten Geste und mit einer simplen Frage unbewusst die Frage aller Fragen scharf angeschnitten.

Er hat ohne zu wissen, dennoch schmerzlich gespürt: Alles kippt im Ende von der Kante nach nirgendwo. Und was passiert dann mit mir? „Die Krähen ziehen schreiend zur Stadt: Wehe dem, der keine Heimat hat!“ Friedrich Nietzsche. In der Tat ist die Angst bitter und kalt und berechtigt: Wer, was hält mich, wenn im Äußern alles haltlos und im Innern alles heimatlos geworden ist? Keine Wörter geben dem kleinen Jungen Antwort; sein Vater hält ihn wortlos, indem er ihm spürbare Nähe gibt.

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1 Antwort

  1. 15. Oktober 2016

    […] ich die Geschichte von Josef Brombach: „Papa, was ist, wenn nichts mehr ist“ gelesen hatte, die bei uns unter Geschichten steht, fiel mir dieser Text von Kurt Tucholsky […]

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