Die wertvolle Zeit zwischen Tod und Bestattung

Kleine Schritte auf dem Weg der Verabschiedung

Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag von Uller Gscheidel im ambulanten Hospizdienst Treptow im Jahr 2013. Beim Wort Bestattung denken die meisten Menschen nur an die Verabschiedungsfeier auf dem Friedhof. Doch eigentlich gehört zu einer Bestattung alles, was mit dem Körper des verstorbenen Menschen in der Zeit zwischen dem Tod und der Beisetzung geschieht. Hinzu kommen die Begleitung der Angehörigen in ihrer Trauer und etliches, was geregelt werden muss. Es gibt mehrere Stationen auf diesem letzten Weg, Schritte, die getan werden müssen. Der Autor beschreibt, wie er Angehörige in dieser schweren und wertvollen Zeit begleitet.

img_3140Ein Mensch ist gestorben – die Welt ist nicht mehr so, wie sie war, zumindest für diejenigen, die ihn oder sie gekannt haben. Etwas ist unwiederbringlich verloren. Eine bisher erlebte und gelebte Beziehung wird sich wandeln, eine neue Form der Erinnerung und des Gedenkens annehmen und der tote Körper muss seine letzte Ruhestätte erreichen. Dies ist zumeist der Friedhof. Solange dies nicht geschehen ist, befinden wir uns in einem Zwischenzustand. Alles ist in Unordnung, nicht an seinem Platz. Doch wird in dieser Zeit zwischen dem Tod und der Beisetzung ein Fundament gelegt für das Umgehen mit dem Verlust.
Einer der ersten Schritte für die Hinterbliebenen besteht darin zu begreifen, was geschehen ist: „Nie wieder werde ich ihr Lachen hören.“ „Nie wieder werde ich mit ihm streiten können.“ Es bleibt nur noch die Möglichkeit der Wahrnehmung von dem, was noch verblieben ist: der tote Körper. Die Nähe zum Körper eines geliebten, verstorbenen Menschen, die Chance ihn noch einmal zu berühren, hilft zu be-greifen, was geschehen ist, den Schockzustand zu überwinden und das Unfassbare zu akzeptieren.

Ein Todesfall – verschiedene Betrachtungen

Früher lebten die alten und kranken Menschen zuhause und starben auch dort. Es gab eine eingespielte „Notgemeinschaft“, in der die Aufgaben klar verteilt waren wie: Sarg bauen, Totenhemd nähen, Essen bereiten, die Bekanntmachung des Todes sowie die Aufbahrung des Leichnams bis zur Beerdigung in der „guten Stube“ organisieren. Alle aus dem Dorf kamen zur Verabschiedung ins Trauerhaus. Der Trauerzug zog durch das Dorf, die Gemeinde zum Friedhof. Der Pfarrer kannte den Verstorbenen noch persönlich ….

Heute wird im Gros der Fälle –  zum Beispiel in Berlin –  zumeist im Krankenhaus oder Pflegeheim gestorben. Eine Aufbahrung findet nicht statt. Der Bestatter führt ein Verkaufsgespräch, in dem alles beauftragt wird: Sarg, Dekoration, Kleidung und mehr. Subunternehmen erledigen Transporte und Einbettung. Eine aktive Teilnahme der Angehörigen in diesem Prozess wird kaum gefördert und unterstützt. Der Bestatter organisiert die Trauerfeier, bei der er dann selbst oft gar nicht mehr anwesend ist. Freiräume, die durchaus in den vergangenen zehn Jahren entstanden sind, werden wenig genutzt.

Dann gibt es noch die rechtliche Seite. Dazu gehört: Mit Eintritt des Todes werden die Ehefrau zur Witwe, der Gatte zum Witwer. Das passiert ganz plötzlich. Es ist kein Prozess. Die Veränderung des Rechtsstatus hat persönliche und soziale Konsequenzen. Es gibt neue Rollenzuweisungen und damit ändert sich nicht nur, wie die Hinterbliebenen von den Mitmenschen gesehen werden. Bis die Ehefrau auch innerlich zur Witwe, zum Single geworden ist, das braucht Zeit. Dies geschieht im Trauerprozess, zu dem es unterschiedliche Erklärungsmodelle gibt.

Trost liegt im Tun

Es ist tröstlich und beinhaltet das Potential großer Kraft, alles für den Verstorbenen oder die Verstorbene getan zu haben, was möglich war, beispielsweise den toten Körper nicht nur Fremden (Dienstleistern) zu überlassen, sondern selbst die letzten Stationen auf dem Weg zum Friedhof aktiv begleitet zu haben.

In diesem Prozess sind wir immer mit unserer Endlichkeit, der Angst vor dem eigenen Tod konfrontiert. Weil das unangenehm ist, sind wir verführbar alles, was konkret mit dem Tod zusammenhängt und uns die eigene Vergänglichkeit spüren lässt, an Fachleute wie Bestatter und Pfarrer zu delegieren. Ist das wirklich ein Ausweg, der uns rettet, uns unsere Angst nimmt?

Letzter Abschied – rituelle Elemente

In der Zeit zwischen Tod und Bestattung, in der die Welt nicht in Ordnung ist, denn der tote Körper ist noch nicht an dem für ihn richtigen Platz, dem Friedhof, gibt es einige Gelegenheiten, das, was ohnehin zu tun ist, mit Ritualen der Verabschiedung zu begleiten.

Mögliche Handlungen (Rituale) in den ersten Stunden könnten sein: Fenster öffnen, Kerze(n) anzünden, das Zimmer schön gestalten, den Leichnam mit Blumen schmücken, beten, Wünsche aussprechen, stille Zwiegespräche halten. Alles was hilft, eine Atmosphäre der Ruhe und des Friedens zu schaffen, können wir tun. Weitere Gelegenheiten sind die Aufbahrung, das Waschen und Kleiden, das Ölen des Körpers (von pflegerisch bis rituell), die Einsargung, das Verschließen des Sarges, die erste Überführung begleiten.

Die Trauerfeier mit anschließendem Trauerzug hinter dem Sarg oder der Urne hin zum Grab, das Absenken ins Grab, der persönliche Blick ins offene Grab mit Erdnachwurf und Leichenschmaus sind die noch immer einigermaßen vertrauten Teile einer Beerdigung. Aber oft wird ihr ritueller Sinn nicht mehr verstanden.

Einzelne Stationen auf dem Weg zwischen Tod und Beisetzung

Jede Verstorbene wird irgendwann in einen Sarg gelegt, jeder Sarg wird verschlossen, jeder Sarg wird auf einen Friedhof oder in ein Krematorium transportiert. Nicht immer wird eine Verstorbene gekleidet und nicht immer gibt es eine Trauerfeier. Es sind eine Menge Entscheidungen zu treffen, die den weiteren Prozess wesentlich beeinflussen.

  • Wie lange kann, darf, soll eine Verstorbene an dem Ort verbleiben, an dem sie gestorben ist?
  • Wann soll sie abgeholt werden? Geschieht dies auf einer Bahre oder im Sarg?
  • Welche Kleidung soll sie tragen?
  • Wird sie vorher gewaschen und eventuell eingeölt?
  • Wer bettet die Verstorbene wann in den Sarg?
  • Wann wird der Sarg endgültig verschlossen?
  • Wer ist dabei?
  • Welche anderen Rituale sollen wann und von wem ausgeführt werden?

Im Normalfall entscheidet der beauftragte Bestatter viele dieser Dinge nach eigener Routine und persönlichem Gusto, weil bei der Beauftragung erst gar nicht über diese Fragen gesprochen wurde und weil viele Angehörige über diese Details nicht so genau Bescheid wissen wollen. Aber damit werden Chancen vertan. Denn jeder dieser Schritte ist auch ein Schritt auf dem Weg in das neue Leben ohne die Verstorbene und kann Teil der Verabschiedung sein. Dies gilt besonders, wenn Angehörige die Situationen selbst gestalten und die inneren Bilder, die dabei entstehen, wirken können.


Weitere Artikel von Uller Gscheidel:

„Ich stehe als Mensch an der Seite der Angehörigen“

Der Umgang mit dem Leichnam

Was tun Bestatter, was kann man selbst tun?

Die Trauerfeier als Ritual

Bilder, die die Seele tief bewegen

 

Uller Gscheidel

Uller Gscheidel

Uller Gscheidel ist Diplom-Pädagoge und nach vielen Jahren beratender und leitender Tätigkeit seit 2002 Bestattungsunternehmer (charon.de). Er wollte in einem gesellschaftlichen Umfeld neu beginnen, das aus seiner Sicht dringend Impulse der Erneuerung bedarf, gerade in einer Zeit, in der fest gefügte Rituale und Abläufe in Krisensituationen für immer mehr Menschen hohl und sinnentleert wirken. Freilassender Respekt und Toleranz gegenüber anderen Menschen und Einstellungen waren immer Grundlage seiner Beratertätigkeit. Mitgefühl und Verständnis sind in 35 Jahren aus dem tibetischen Buddhismus gewachsen. Seit 2012 ist er Gesellschafter und Geschäftsführer der von ihm und seiner Kollegin Susanne Jung gegründeten Gesellschaft PortaDora mit Sitz in Berlin.
Uller Gscheidel

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3 Antworten

  1. Elke Sohler sagt:

    Für mich war es heilsam, langsam, in meinem Tempo auf dem Weg der Trauer zu reisen. Hilfreich war, dass wir uns für eine Einäscherung entschieden hatten, so hatte ich Zeit gewonnen. Ich hatte das Bestattungsunternehmen mit Bedacht ausgewählt – ein von Frauen geführtes Haus in dem man uns mit Respekt und Wertschätzung begegnete. Ich wusste, hier ist meine Tochter gut aufgehoben. Und auch ich war gut aufgehoben, ich konnte mich in aller Ruhe und so lange ich wollte in einem angenehmen Raum von meinem Kind verabschieden. Ich habe so vieles wie möglich selbst gemacht und nicht delegiert. Das hat mir geholfen, zu begreifen, dass nun alles anders ist.

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