Die Trauerfeier als Ritual

Was ist ein Ritual?

Uller Gscheidel erläutert, dass Rituale eine Gemeinschaft schaffen und Übergänge erleichtern. Aus der Sicht des Bestatters schreibt er, worauf man unbedingt achten sollte. In unserem Menu finden Sie  unter der Rubrik Rituale weitere Artikel zur Gestaltung einer Trauerfeier ebenso wie einen Überblickstext zum Thema Riten des Übergangs.

„Ein Ritual ist eine kulturell gebundene menschliche Handlung, die durch strukturierte Mittel die Wandlung eines Lebensbereiches in über den Alltag hinaus reichende Zusammenhänge bewirkt. Rituale sind ein menschheitliches Phänomen. Sie ermöglichen durch den Umgang mit Grundfragen der Existenz das menschliche Miteinander. Dazu zählen Sicherheit, Ordnung ebenso wie die Sterblichkeit. Sie vermögen die Welt einfacher und handhabbarer zu machen und erleichtern Entscheidungen.“ (aus Wikipedia)

Ein wichtiger Aspekt eines Rituals ist, dass es die Teilnehmenden vereint in einer gemeinsamen Handlung, beispielsweise wenn sie zusammen singen oder beten.

img_0933Rituale dienen auch dazu, Übergänge eindeutig zu markieren. Ein bestimmter bisheriger Zustand wird in einen neuen überführt, zum Beispiel ledig in verheiratet. Insbesondere die Übergangsriten (dazu zählen natürlich auch die Bestattungsriten) haben die Funktion, Menschen aus ihrem bisherigen Kontext auszugliedern und sie in eine neue Gemeinschaft einzuführen. Bei der Bestattung wird der Tote endgültig aus dem Bereich der Lebenden herausgenommen und in die Gemeinschaft der Toten überführt (deren Platz auf dem Friedhof, unter der Erde ist).

Welchen Sinn hat eine Trauerfeier?

Sie markiert den Übergang des Verstorbenen in die Gemeinschaft der Toten und schafft Zusammengehörigkeit unter den Anwesenden. Sie ermöglicht gemeinsames Erinnern und Gedenken an den Toten.

Wer hält die Feier?

Eine der richtungsweisenden Entscheidungen ist: Soll ein Pfarrer oder Priester die Feier halten? Ein Geistlicher ist auch auf kirchlichen Friedhöfen nicht mehr zwingend vorgesehen. Man muss sich aber im Klaren sein, dass ein Geistlicher, wenn er dann die Feier abhält, auch „Herr des Verfahrens“ ist und alles mit ihm abgesprochen werden muss. Der Vorteil ist, einer hat den Hut auf und weiß auch rituell, was er tut (Aussegnung, Segen für die Lebenden etc.)

Mögliche Alternativen sind entweder ein professioneller Trauerredner oder die Familie gestaltet die Trauerfeier selbst. Segnungen entfallen dann, da die Angehörigen dazu nicht ermächtigt sind.

Traditioneller Ablauf einer Trauerfeier

Der traditionelle Ablauf, an dem man sich orientieren kann ist:

  • Gemeinsamer Einzug der Gäste mit Orgelmusik,
  • Begrüßung der Gäste,
  • Gebet, Lesung aus der Bibel
  • Musik/Gesang,
  • Trauerrede, Biografisches,
  • Gedenken
  • Musik/Gesang
  • Aussegnung
  • Das Hinaustragen des Sarges oder der Urne. Die Gemeinde schließt sich an, gemeinsamer Auszug aus der Trauerhalle mit Orgelmusik. Ein emotionaler Wendepunkt geschieht meistens nach dem gemeinsamen Gedenken.

Überlegungen zu einer selbst gestalteten Trauerfeier

Es macht keinen Sinn die „alten“ religösen Rituale, auch wenn nur noch wenige sie sicher beherrschen, durch neue individuelle zu ersetzen, die kaum einer der Gäste kennt. Das führt nur zu Verunsicherung.

So wie jeder Mensch einzigartig ist, sollte auch jede Trauerfeier ein Unikat sein. Sie sollte auf jeden Fall zum Verstorbenen und zur Familie passen und deutlich angeleitet sein. Eine Trauerfeier hat eine eigene emotionale Dynamik, die man beachten sollte.

Bei den Überlegungen zur Gestaltung der Trauerfeier sollte man sich von Gedanken leiten lassen wie? Was passt zur Familien und zum Verstorbenen? Was hilft der Familie? Was unterstützt sie bei der Integration des Verlustes in ein Leben danach? Was stärkt sie? Welche Fähigkeiten sind in der Familie präsent und können genutzt werden?

Die Mittel zur Gestaltung sind vielfältig und reichen von einer wortlosen Feier mit Kerzenritual und Dia-Show bis zu wortgewaltigen Rede- und Musikbeiträgen von verschiedenen Angehörigen des Familien- oder Freundeskreises. Wichtig sind dabei aus meiner Sicht: die Sinnhaftigkeit der einzelnen Teile, deutlich gesetzte Akzente für Anfang und Ende sowie für einzelne Abschnitte, eine angemessene Auswahl von Musik und Dekoration der Kapelle sowie eine klare Information der Gäste über den Ablauf der Feier (per Ansage, mit Handzetteln).

Hinweise

Der Wunsch nach Sicherheit durch gemeinsames Handeln besteht auch jenseits religiöser Bindung. Um dies zu erreichen, muss auf einer Trauerfeier genau gesagt werden, was jetzt geschehen soll und was man von den Anwesenden erwartet, sonst entsteht eher Unsicherheit und Verwirrung bei den Trauergästen.

Stilles Gedenken tritt nicht automatisch ein, weil niemand etwas sagt, sondern nur, wenn jemand dies ankündigt, beispielsweise mit diesen Worten: „Wir wollen nun einige Minuten in gemeinsamen stillen Gedenken an (Name) verweilen…“ und eventuell noch weiter mit: „Denken Sie an all die Zeit, die Sie gemeinsam verbracht haben, auch an die vielleicht schwierigen Situationen und versuchen Sie, auch angesichts der Endlichkeit unserer aller Leben, Milde und Wohlwollen in Ihren Gedanken und Gefühlen entstehen zu lassen. Wir werden das stille Gedenken gemeinsam abschließen mit Musik von …“

Zumeist sind diese „neuen“ Rituale auch gar nicht so neu, sondern anderen Kulturen entlehnt oder modifiziert. Beispielhaft möchte ich hier nennen: „Lichterzeremonien“ oder „Talking Stick“ (ein indianischer Redestab).

Wenn Kinder sterben

Der Tod ihres Kindes ist für die Eltern ein unfassbares Ereignis, das unendlich schwer zu begreifen ist. Besonders wichtig erscheint mir daher die sorgende Teilnahme, wenn Kinder sterben. Die Familie hat dadurch die Chance, die letzten Schritte auf dem Weg vom Tod zum Begräbnis mit zu vollziehen und den Abschied mit zu gestalten, indem sie eigene Ausdrucksformen und Rituale wählt. Für die Eltern hat das Versorgen und Begleiten ihres toten Kindes etwas sehr Heilsames und kann das Gefühl hinterlassen, dass sie die wenige kostbare Zeit, die ihnen noch gemeinsam verblieben ist, so gut wie möglich genutzt haben.

Alle Eltern, die ich durch diesen Prozess begleitet habe, waren im Nachhinein sehr dankbar und froh, dass sie ihre Scheu und Berührungsängste hinter sich lassen und für ihr Kind noch etwas selbst tun konnten. Dies ist eine gute Basis für den weiteren Trauerprozess.


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Uller Gscheidel

Uller Gscheidel

Uller Gscheidel ist Diplom-Pädagoge und nach vielen Jahren beratender und leitender Tätigkeit seit 2002 Bestattungsunternehmer (charon.de). Er wollte in einem gesellschaftlichen Umfeld neu beginnen, das aus seiner Sicht dringend Impulse der Erneuerung bedarf, gerade in einer Zeit, in der fest gefügte Rituale und Abläufe in Krisensituationen für immer mehr Menschen hohl und sinnentleert wirken. Freilassender Respekt und Toleranz gegenüber anderen Menschen und Einstellungen waren immer Grundlage seiner Beratertätigkeit. Mitgefühl und Verständnis sind in 35 Jahren aus dem tibetischen Buddhismus gewachsen. Seit 2012 ist er Gesellschafter und Geschäftsführer der von ihm und seiner Kollegin Susanne Jung gegründeten Gesellschaft PortaDora mit Sitz in Berlin.
Uller Gscheidel

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4 Antworten

  1. Bettina sagt:

    Segnen ist kein Vorrecht eines Geistlichen. Auch ein Trauerredner oder die Angehörigen können und dürfen segnen (=benedicere, Gutes zusagen).

  1. 21. April 2017

    […] Die Trauerfeier als Ritual […]

  2. 21. April 2017

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  3. 21. April 2017

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