Bilder, die die Seele tief bewegen

Vom Umgang mit den letzten Bildern

Während des Abschieds vom Verstorbenen prägen sich Eindrücke, Bilder ein von den letzten Augenblicken, die wir mit dem toten Körper verbringen. Es sind Sinneseindrücke wie die Kühle der Hand, die fahle, manchmal wächserne Gesichtsfarbe, das Lächeln um die Mundwinkel, die Farben der letzten Kleidungsstücke und mehr. Wir erinnern uns immer wieder daran.

geralt-pixabay-stretcher-80448_1280Wie ein Mensch im Sarg liegt, geschmückt mit Blumen für die letzte Reise… Dies ist ein wichtiges Bild. Dieses Bild hat bereits eine ganz andere Qualität von Endgültigkeit und Distanz als die davor liegende Situation, als der gestorbene Mensch noch im Sterbebett lag, in dem er vielleicht seine letzten Lebensmonate verbracht hat.

Der Sarg wird geschlossen. Das ist zumeist ein tief bewegender Moment, in dem auch die letzte sinnlich wahrnehmbare Verbindung zur Sichtbarkeit und Berührbarkeit des Körpers des Verstorbenen getrennt wird. Da ein Sarg mit vier bis acht Schrauben verschlossen wird, haben auch mehrere Angehörige gleichzeitig die Gelegenheit, durch ihr gemeinsames Tun Gemeinschaft im Handeln zu erfahren, wenn sie eigenhändig die Schrauben in den Sarg drehen. Sie drücken damit aus: „Ich bin einverstanden damit, dass du jetzt aus dem Haus getragen wirst, auch wenn es schwer ist, dich für immer zu verlieren.“ Das ist ein tief gehendes Erlebnis, zu dem keine Worte nötig sind.

Ein anderes, starkes Bild ist, wenn der Leichenwagen mit dem Sarg davon fährt, immer kleiner wird und dann am Horizont oder an der nächsten Straßenecke entschwindet. Dabei wird die zunehmende Entfernung vom Verstorbenen ganz sinnlich erfahrbar.

Vertrauter sind uns die Bilder im Kontext einer Trauerfeier: ein geschmückter Sarg, feierliche Stimmung, ein Redner, der Trauerzug als letztes Geleit, die Handvoll Erde, die ins Grab geworfen wird …
Heutzutage beschränkt sich die Verabschiedung zumeist auf die Trauerfeier. Dadurch fehlen all die Situationen und Bilder dazwischen, die einprägsamen Erlebnisse der Schritte des Abschieds. Es entsteht eine Lücke und dann muss ein Riesenschritt auf einmal bewältigt werden. Ein geliebter Mensch ist gestorben, wir haben vielleicht seinen oder ihren Körper nicht tot gesehen. Dann gehen wir zur Trauerfeier. Sie hat manchmal keine wirklich lösende, erlösende Wirkung auf uns, weil unsere Seele den Zusammenhang zwischen dem Verlust und dem Ereignis der Trauerfeier nicht wirklich herzustellen vermag. Unser Intellekt versteht zwar den Zusammenhang, aber es dauert dann oft noch Jahre, bis wir wir den Verlust in unserer Seele begreifen.

Es ist dann hilfreich, noch einen letzten Blick in den Sarg vor der Trauerfeier zu werfen oder eine Aufbahrung zu veranlassen. So erleben wir den Tod sinnlich und begreifen, was sich geändert hat. Es wichtig, dass dies in Würde und in einer Atmosphäre des Getragenseins geschieht.


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Uller Gscheidel

Uller Gscheidel

Uller Gscheidel ist Diplom-Pädagoge und nach vielen Jahren beratender und leitender Tätigkeit seit 2002 Bestattungsunternehmer (charon.de). Er wollte in einem gesellschaftlichen Umfeld neu beginnen, das aus seiner Sicht dringend Impulse der Erneuerung bedarf, gerade in einer Zeit, in der fest gefügte Rituale und Abläufe in Krisensituationen für immer mehr Menschen hohl und sinnentleert wirken. Freilassender Respekt und Toleranz gegenüber anderen Menschen und Einstellungen waren immer Grundlage seiner Beratertätigkeit. Mitgefühl und Verständnis sind in 35 Jahren aus dem tibetischen Buddhismus gewachsen. Seit 2012 ist er Gesellschafter und Geschäftsführer der von ihm und seiner Kollegin Susanne Jung gegründeten Gesellschaft PortaDora mit Sitz in Berlin.
Uller Gscheidel

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3 Antworten

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