Man sieht nur mit dem Herzen gut

Sibilla Brombach

Sibilla Brombach

Sibilla Brombach-Lersch ist Jahrgang 1943 und hat zusammen mit ihrem Mann Josef und zahlreichen Mitstreitern 1990 ein kleines Hospiz mit acht Betten neben ihrem Wohnhaus gegründet, aus dem später ein größeres Pionierprojekt der deutschen Hospizbewegung wurde, das heutige Elisabeth-Hospiz in Lohmar-Deesem. Sie hat mehr als 2000 Menschen durch den Tod begleitet. Mit weitem Herzen und voller Mitgefühl, war sie immer da, wenn sie gebraucht wurde. Wir haben ihr einen eigenen Platz in ED gegeben, an dem Sie uns teilhaben lässt an ihren Erfahrungen und Einsichten. Sie wird immer wieder mit Veröffentlichungen dabei sein.
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Mein wichtigstes Bemühen in der Begegnung mit Sterbenskranken ist, sie als Freund oder Partner wertzuschätzen, Wünsche und Bedürfnisse so deutlich wie möglich zu erkennen und zu erfüllen. Dazu bedarf es einer besonderen wachen und einfühlsamen Wahrnehmung.

annaer-pixabay-beach-193786_1920Achtsamkeit ist für mich sinnliches Wahrnehmen, ein Fühlen, vielleicht sogar Schmecken, was sich für mich im Augenblick ereignet. Wenn ich mitkriege, darauf achte, dass ich intensiv da bin, drin bin, wenn ich spüre, dass ich lebhaft verbunden bin, teilnehme, wenn ich so meine eigenen Empfindungen spüre für das, was ich erlebe oder vermisse, dann bin ich achtsam.

Wenn ich in dieser sinnhaften Achtsamkeit auch meinen Mitmenschen begegne, kann ich mich einfühlen in die Befindlichkeit des anderen. Es ist ein Mitfühlen und Teilnehmen an seiner ganz besonderen Art. Damit nehme ich auch seine Wünsche und Bedürfnisse wahr. Dann empfinde ich aber auch Gleiches oder Ähnliches und Hoffnungen. Schuldgefühle und Ängste können in mir hochkommen. Nicht selten entsteht hier eine Gefahr für die Achtsamkeit. Denn eine solche Begegnung kann alte Ängste hervorrufen, alte Emotionen wecken, die in der Tiefe meiner Seele schlummern.

Es gilt für mich, so wenig wie möglich zu interpretieren, was ich beim anderen wahrnehme, statt dessen hinzuschauen, ohne zu bewerten. Dann kann ich meins vom anderen unterscheiden und werde dem anderen nicht Bedürfnisse zuschreiben, die vielleicht gerade mich bewegen. Diese Achtsamkeit bewahrt mich davor, vom Schmerz und dem Leiden des anderen aufgesogen zu werden.

Hohe Achtsamkeit für das Befinden des anderen lebt vom guten Kontakt mit mir selbst. Wer lernt mit seiner eigenen Hilflosigkeit, mit Schmerzen, Wut und Trauer, mit eigener Sprachlosigkeit, Zärtlichkeit und Zuversicht, mit Annehmen und Loslassen umzugehen, verbessert seine Achtsamkeit auch für all diese Empfindungen bei seinem Nächsten.

Die Seele der Achtsamkeit ist das Mitgefühl, die sensible Wahrnehmung für das Befinden des anderen getragen von Liebe und einer tiefen Wertschätzung. Denn wie sagt der kleine Prinz:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut!“


Quelle: Heide Breitel, Treatment: Ins Leben kommen – aus dem Leben gehen, März 1997, S. 17. ED dankt Heide Breitel für die freundliche Genehmigung der Veröffentlichung dieses Interviews.

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