Letzte Wünsche

Erinnerungen der Hospiz-Gründer Sibilla und Joseph Brombach

Joseph Brombach

Joseph Brombach

Joseph ist Gründer des ersten unabhängigen stationären Hospizes in Deutschland. Viele Jahre hat er das Hospiz geleitet und weiterentwickelt.
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Letzte Wünsche können ganz klein und ganz groß sein. Wichtig ist, sie zuzulassen und den Mut zu haben, sie mitzuteilen. Was ihre Erfüllung bewirkt, darüber können Sie hier Wertvolles erfahren.

Wer sein Lebensende bald kommen sieht, erlebt die Endgültigkeit eines letzten Wunsches als unaufschiebbar. Sich selbst oder jemand anderem einen letzten Wunsch zu erfüllen, hat etwas Verpflichtendes. Ihn auszuschlagen oder unerfüllt zu lassen, hat daher den Beigeschmack von Ehrfurchtslosigkeit. Dennoch werden wohl die meisten Wünsche nicht erfüllt. Sie werden nicht wahrgenommen. Sie zu äußern, wurde nicht gelernt. Von anderen sind wir nicht dazu ermutig worden. Wir sind gewohnt, Wünsche als unerfüllbar auszublenden. Weil sie lästig oder peinlich sind, bleiben sie stumm.

Hilflose Helfer ducken sich, wenn sie sich von einer Erwartung überfordert fühlen. Bei der Frage: “Gibt es eine innere Haltung, die es dem Begleiter erleichtert, letzte Wünsche zu gewähren“, haben wir versucht, uns leiten zu lassen von dem Bild der Schatzsuche: Wenn ein Kranker an der Hospizpforte zu uns gebracht wird, machen wir uns gleich klar: Da kommt nicht ein Pflegefall ins Haus, sondern: Da kommt ein Schatz. Diese Frau, dieser Mann ist uns in Vielem weit voraus. Sie wird uns eine Bereicherung sein durch ihr individuelles Naturell, durch ihre Mentalität, ihre Lebenserfahrung, ihre Weisheit und ihren Humor und durch die Fähigkeit, mit dem Leid kämpfen zu können. In diesem einzigartigen Menschen einen wertvollen Schatz zu entdecken, macht es leichter, ihm Wertschätzung zu zeigen, lässt Findigkeit erwachen, seine Bedürfnisse und Wünsche zu erspüren – und viel öfter zu erfüllen, als er es selbst glauben möchte.

In den mehr als zwanzig Jahren der Begleitung Sterbenskranker im Hospiz in Lohmar-Deesem haben wir uns oft hilflos erlebt. Wir konnten letzte Wünsche zwar spüren, aber wir konnten nicht alle erfüllen. Was tun, wenn Frau Michel inständig darum bittet, sie von körperlichem und seelischem Leiden heute noch zu erlösen? Zeit und Zuwendung schenken, Schmerzlinderung und Da sein gewähren, Mitgefühl und Hilflosigkeit aushalten, helfen, ein wenig. Töten? Das ist eigentlich ihr letzter Wunsch, dem wir nicht nachkommen. Wir betreuen sie mit Liebe und palliativer Kompetenz bis zum Schluss.

So schillernd vielseitig unsere Gäste sind in ihrer Art, so unterschiedlich sind natürlich auch ihre Wünsche. Hier seien nun einige nahe liegende, kleine und ungewöhnliche letzte Wünsche mitgeteilt.

Die letzte Tüte

Bruno, ein Mann der Straße, – er bezeichnete sich gerne als „Der Eintagsmensch“, weil er seine Lebens- und Alltagsplanung auf jeweils nur einen Tag reduziert hat – wünschte sich als Abschiedsblumenstrauß ein Bündel Hanf und eine Tüte Hasch. Bruno war dankbar für den schmerzlindernden Effekt des Präparats und die beseligende Wirkung der Inhalation.

holgersfotografie-pixabay-potato-fritter-468983_1920Reibekuchen in der Nacht

Obwohl Magen und Darm schon längst ihren Dienst verweigerten, lechzte Frau Seewald noch ein letztes Mal nach einem knusprig-krossen Kartoffel-Reibekuchen mit süßem Apfelkraut. Von Sibilla zu nächtlicher Stunde in der Pfanne serviert, damit nichts vom Duft verloren ging, schnupperte sie mit hörbarem Genuss an ihrer Lieblingsspeise und war beglückt.

Stille und ganz allein

Von keiner Tröstung, keiner Berührung, keinem Mitleid, keiner meditativen Klang-CD und keiner Anwesenheit eines anderen gestört zu werden, war der Wunsch von Frau Linde. Sie bat darum in Stille und ganz bei sich hinüber gehen zu dürfen. Wir sorgten dafür.

Gebete zum Geleit

Hin und wieder bitten Angehörige oder auch der Gast darum, die Sterbe-Sakramente zu empfangen. Sehr oft wird dem letzten Wunsch des Kranken entsprechend zu Lebzeiten oder nach dem Tode im Sterbezimmer eine Abschiedsfeier mit Familie, Freunden und Nachbarn gehalten.

Der Duft von Marlboro

Schließlich kam der Tag, an dem Peter die Zigarette selbst nicht mehr halten und er die Luft nicht mehr aktiv einziehen konnte. Seine Augen, seine zugespitzten Lippen baten wortlos um nur noch Eines: „Blase mir bitte noch einmal den Rauch meiner Marlboro in meinen Mund.“ Am nächsten Tag konnte er die Bitte nicht mehr äußern.

Dä kleene Möpp

Beim Auszug aus ihrer Wohnung hatte Frau Schnell ihren geliebten Terrier an Nachbarn abgegeben. Das war ihr das Allerschwerste beim Abschiednehmen. Wie glücklich war sie, im Hospiz den dortigen Haushund und munteren Gesellen Shanti knuddeln zu können. Bis in die letzten Stunden war er ihr Tröster. Wir warteten auf ihren letzten Atemzug. Da öffnete sie die Augen und fragte: „Wo is dann dä kleene Möpp?“

In Hamburg auf der Reeperbahn

Einmal wollte er noch seine alten Rotweinkumpel wieder sehen! Der Pflegedienstleiter und einer der Zivis starteten mit Paul im PKW übers Wochenende nach Hamburg. Groß war die Enttäuschung, als nach langer Suche in Kneipen und an schummerigen Ecken die erhofften Kameraden von früher nicht mehr auffindbar waren. Jedoch, die Tour durfte nicht umsonst sein. So freute sich Paul über seine spontane Idee und die Möglichkeit, eine Peepshow zu besuchen. Mit dankbarem und verschmitztem Schmunzeln wieder in Deesem zurück, blieben ihm nur noch fünf Tage.

Der Besuch der jungen Dame

Elementare Bedürfnisse wie Essen und Trinken, Lachen und Scherzen verliert der Mensch bis zuletzt nicht – auch manchmal nicht den Wunsch nach körperlicher Nähe in erotischem und sexuellem Erleben. So ist der Wunsch von Herrn Sören nach körperlich-seelischer Beglückung im Bett naturgemäß ebenso zu achten. Wir fanden eine seriöse Dame aus der Stadt, die ihm den gewünschten Liebesdienst erwies, gewiss eine Sterbe- oder Lebensbegleitung der besonderen Art. Wertschätzung macht`s möglich.

All I need is love

Tief schwarz, im Senegal geboren, auf allen bedeutenden Brettern dieser Welt gefeiert, kam James zu uns. Noch erkannte man in ihm einen stattlichen, hoch gewachsenen Mann; er war sich seiner Ausstrahlung als erfolgreicher Entertainer voll bewusst. So konnte er als einen seiner letzten Wünsche genießen, im riesigen weißen Schaumbad in der Wanne zu liegen, seine großen Augen strahlen und den Kranz der weißen Zähne blinken zu lassen. Seine Stimmung war angeregt von Jazz. In der Rechten hielt er ein Glas Champagner, in der Linken einen Joint. Dabei fühlte er sich offenkundig wie König Salomon im Bade. Er genoss es, dass wir ihn genossen.

Bald darauf kommt ihm der Tod entgegen. Mit schwacher Stimme bat er zum letzten Male um Speisen. Frisches Gemüse hatte er sich gewünscht. Aber er wies es mit großer Geste zurück: NO! Dann wünschte er sich Kartoffeln in feiner Sauce. Auch diese verschmähte er: NO! Schließlich verweigerte er das gewünschte Rinder-Steak. Irritiert zunächst, verstanden wir James erst mit seiner Botschaft, als er uns zuhauchte: „All I need is love“.

Wie er bis in seine letzte Stunde als jemand, der sich in Szene zu setzen wusste, seine Würde zelebrieren und mit sich authentisch bleiben kann, erlebten wir so: Er lag auf seinem Bett und bat mit aller letztem Wunsch: „Please, a big candel“. Dann umfasste er mit seiner Rechten die große leuchtende Kerze und mit der Linken nahm er Sibillas Hand und sprach kaum vernehmbar: „Sibbel, pray, I go!“, lehnte sich zurück und starb.

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