Gedicht: Totentanz

Von Johann Wolfgang von Goethe

Goethe hat in dieser aus sieben Strophen bestehenden Ballade ausgemalt, wie zu mitternächtlicher Stunde die Toten aus den Gräbern zum Tanz kommen. Es ist seine humorvolle Sicht des Totentanzes, eines Motivs, das besonders im Barock (ca. 1570 –1770) eine Rolle spielte. Die Vertonung von Carl Loewe präsentiert Dietrich Fischer Dieskau (Gesang). Sie wird mit trefflichen Bildern präsentiert und zwar in der Fassung unten auf You Tube, die wir für Sie ausgewählt haben. Der Text ist im Video sowohl in Englisch als auch in Deutsch vorgestellt.

Totentanz (1815)

Johann Wolfgang von Goethe

Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht
Hinab auf die Gräber in Lage;
Der Mond, der hat alles ins Helle gebracht;
Der Kirchhof, er liegt wie am Tage.
Da regt sich ein Grab und ein anderes dann:
Sie kommen hervor, ein Weib da, ein Mann,
In weißen und schleppenden Hemden.

Das reckt nun, es will sich ergetzen1)ergetzen: altertümlich für ergötzen sogleich,
Die Knöchel zur Runde, zum Kranze,
So arm und so jung, und so alt und so reich;
Doch hindern die Schleppen am Tanze.
Und weil hier die Scham nun nicht weiter gebeut 2)gebeut: altertümlich für gebietet,
Sie schütteln sich alle, da liegen zerstreut
Die Hemdlein über den Hügeln.

Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein,
Gebärden da gibt es vertrackte;
Dann klippert’s und klappert’s mitunter hinein,
Als schlüg‘ man die Hölzlein zum Takte.
Das kommt nun dem Türmer so lächerlich vor;
Da raunt ihm der Schalk, der Versucher, ins Ohr:
Geh! hole dir einen der Laken.

Getan wie gedacht! und er flüchtet sich schnell
Nun hinter geheiligte Türen.
Der Mond, und noch immer er scheinet so hell
Zum Tanz, den sie schauderlich führen.
Doch endlich verlieret sich dieser und der,
Schleicht eins nach dem andern gekleidet einher,
Und, husch, ist es unter dem Rasen.

Nur einer, der trippelt und stolpert zuletzt
Und tappet und grapst an den Grüften;
Doch hat kein Geselle so schwer ihn verletzt,
Er wittert das Tuch in den Lüften.
Er rüttelt die Turmtür, sie schlägt ihn zurück,
Geziert und gesegnet, dem Türmer zum Glück,
Sie blinkt von metallenen Kreuzen.

Das Hemd muß er haben, da rastet er nicht,
Da gilt auch kein langes Besinnen,
Den gotischen Zierat3)Zierat: alterümlich für Verzierung, Ornament ergreift nun der Wicht4)Wicht: für Wichtel, dem Element Erde zugeordnete Phantasiewesen in nordischen Sagen
Und klettert von Zinne zu Zinnen.
Nun ist’s um den armen, den Türmer getan!
Es ruckt sich von Schnörkel zu Schnörkel hinan,
Langbeinigen Spinnen vergleichbar.

Der Türmer erbleichet, der Türmer erbebt,
Gern gäb er ihn wieder, den Laken.
Da häkelt – jetzt hat er am längsten gelebt –
Den Zipfel ein eiserner Zacken.
Schon trübet der Mond sich verschwindenden Scheins,
Die Glocke, sie donnert ein mächtiges Eins,
Und unten zerschellt das Gerippe.

Quelle: http://www.totentanz-online.de/medien/literatur/goethe.htm

Lisa Freund

Lisa Freund

Lisa Freund ist Mitgründerin von Elysium.digital. Die Auseinandersetzung mit Sterben und Tod ist für mich immer wieder neu. Sie bewegt mein Herz und erweitert meinen Horizont.
Lisa Freund

Fußnoten   [ + ]

1. ergetzen: altertümlich für ergötzen
2. gebeut: altertümlich für gebietet
3. Zierat: alterümlich für Verzierung, Ornament
4. Wicht: für Wichtel, dem Element Erde zugeordnete Phantasiewesen in nordischen Sagen

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