Sven Gottschling: „Leben bis zuletzt“

Rezension zum Buch des Palliativ-Mediziners

Ein wenig, ein ganz klein wenig weniger Angst vor dem Tod zu haben – wäre das nicht schon ein großartiger Gewinn fürs Leben?

Ein Fachmann für Palliativ-Medizin schreibt ein Sachbuch mit dem Titel „Leben bis zuletzt“. Er wendet sich nicht explizit, aber doch schnell erkennbar, nicht an Fachleute seiner Disziplin, sondern an Menschen, die Angst vor dem Sterben haben – also an uns alle. Was dürfen wir erwarten? Ein Sachbuch über den Tod? „Sterben für Dummies“? Eine schrittweise Anleitung für den finalen Countdown?

Professor Dr. med. Sven Gottschling als Mediziner und Lars Amend als geübter Sachbuch-Autor schreiben ein Buch mit dem Untertitel „Was wir für ein gutes Sterben tun können“. Die ein sehr nüchterne Gestaltung des Buchumschlags lässt zunächst auf einen üblichen Ratgeber schließen, ebenso die verschiedenen Kapitel-Titel:

  • Sterben und Tod – Mythen und Fakten.
  • Beschwerden und am Lebensende und was wir wirklich tun können.
  • Kommunikation mit lebensbegrenzend erkrankten Menschen, deren Angehörigen und beteiligten Kindern.
  • Wo bekomme ich Hilfe?
  • Sterbeverhinderung, Lebensverlängerung oder Sterbehilfe?

Das klingt nach einer vollumfänglichen Beschreibung aller Themen rings ums Sterben. Und so könnte man eines jener Bücher erwarten, die in drögem Ratgeber-Slang neunmalschlaue Banalitäten aufzählen, Checklisten wiedergeben oder Dinge, die man sich vorher auch schon irgendwie so dachte.

Aber nein, so ist es glücklicherweise überhaupt nicht!

Das Buch liest sich, als wäre es in vielen Stunden ohne Pause herunter geschrieben, wie aus einem inneren Drang, endlich mal alles zu Papier zu bringen, was schon so lange mal raus musste. Gottschling wechselt zwischen sachlicher Darstellungen (die erfreulicherweise weitestgehend ohne Fachbegriffe auskommen), Geschichten aus dem Leben auf einer Palliativstation und bisweilen emotionalen Ausbrüchen, wenn er zum Kämpfer für seinen Berufsstand wird. Man merkt, dass er sich viel mehr Wissen darüber in der Gesellschaft wünscht, was ein Palliativmediziner eigentlich macht: Er sieht sich nämlich als „Arzt für Lebensqualität“.

Der Wechsel zwischen verschiedenen Blickwinkeln, nützlicher Information und glühendem Einsatz könnte dem Lesefluss hinderlich sein – ist es aber nicht. Er macht das Buch sogar sehr lebendig. Der kaum spürbare Wechsel der Ebenen reißt mit. Hier spricht mal der engagierte Arzt, mal der empathische Begleiter am Krankenbett, mal der Fachmann für unsere größten Ängsten: den Schmerz und die Atemnot. Das ist vor allem – authentisch.

Es ist schön zu lesen, wie hier ein Arzt diese kleine Schicksalsgemeinschaft aus Arzt, Therapeut, Pfleger, Angehörigem und Mensch in der letzten Lebensphase beschreibt, die zumindest einige Zeit den gleichen Weg gehen. Wie schön – Gottschling schreibt kein Ich-Buch sondern ein Wir-Buch: Wir Ärzte wissen auch nicht immer alles. Wir Menschen haben im Angesicht des Todes die gleichen Ängste. Wir – das behandelnde Team – können öfter Schmerz lindern als allgemein bekannt.

So ist ein Buch entstanden, das man leicht lesen kann und mit Gewinn; ein Buch das viel von der Glut enthält, die den Palliativmediziner und Überzeugungstäter Gottschling ganz offensichtlich antreibt. Ein Buch, das man mit großer Wahrscheinlichkeit nach der Lektüre verschenken wird – es wäre einfach zu schade, wenn nicht noch mehr Menschen davon profitieren könnten.
PS: Es wäre ja zu schön, wenn es ein Buch gäbe, das völlig ohne Fehl und Tadel wäre. Leider gehört auch „Leben bis zuletzt“ nicht dazu, denn es enthält ein völlig überflüssiges Vorwort. Die Ex-Bischöfin und evangelisch-lutherische Theologin Margot Käßmann erzählt zu Beginn von Gott und der Welt. Das mag sich ein Marketing-Spezialist im Fischer-Verlag als verkaufsfördernde Maßnahme ausgedacht habe. Dem Inhalt des Buches ist dies jedoch nicht zuträglich. Es wäre ohne einleitende Religionsbezüge glaubwürdiger.


Sven Gottschling und Lars Amend

Leben bis zuletzt – Was wir für ein gutes Sterben tun können

ISBN: 978-3-596-03420-8

Erschienen : 9/2016

http://www.fischerverlage.de/buch/leben_bis_zuletzt/9783596034208

 

Michael Ziegert

Michael ist einer der beiden Gründer von Elysium.digital. Als gelernter Journalist und langjähriger Internet-Unternehmer hat ihn der Online-Journalismus schon immer fasziniert.

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