Leben bis zuletzt

Was tun, wenn jemand seinen letzen Augenblick selbst bestimmen will?

Johannes Schlachter

Johannes Schlachter

Johannes Schlachter ist Pflegedienstleiter im stationären Hospiz von Ricam und gegenwärtig Leiter des Ricam Hospizes in Berlin. Ricam ist ein überkonfessionelles Hospiz. Er verfügt über einen großen Erfahrungsschatz im Umgang mit Sterbenskranken. Er gehört zu den festen Autoren von Elysium.digital.
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 Johannes Schlachter hat diesen Artikel angesichts der öffentlichen Diskussion um das Thema Sterbehilfe im Jahr 2015 geschrieben. In unserem Video-Bereich finden Sie einen kleinen Film, in dem Sie nicht nur den Autor dieses Artikels sondern auch das stationäre Ricam-Hospiz mit seinem lebendigen Innenleben kennen lernen können. Ricam war das erste stationäre Hospiz in Berlin. Es wurde 1998 gegründet. Heute gehört zu Ricam auch das ambulante Hospiz „Delphin“. Ricam startet demnächst ein neues Pionierprojekt in Deutschland. Geplant ist ein Tageshospiz mit familiärer Atmosphäre. 

„Eigentlich wollte er in die Schweiz fahren…“, das hören wir ab und zu, wenn schwerkranke Menschen im Hospiz angemeldet werden. Mich berührt das in doppelter Weise. Einmal, weil mit diesem Satz ausgedrückt wird, dass jemand Angst vor langem Leiden hat und schnell sterben möchte. Dies geschieht oft, da er sich nicht vorstellen kann, dass es verlässliche Pflege gibt, die Schmerzen lindert und Lebensqualität erhält. Zum anderen, weil ich 15 Jahre in der Schweiz gelebt, dort meine Krankenpflegeausbildung und die Grunderfahrung in der Palliativpflege gemacht habe. Die Schweiz als Ziel ohne Rückfahrkarte, weil es in Berlin keine Hilfe gibt?

In der Schweiz gibt es die beiden bekannten Sterbehilfeorganisationen Exit und Dignitas. Wobei Exit nur in der Schweiz lebende Menschen als Mitglieder akzeptiert; Dignitas aber auch ausländische Mitglieder beim Suizid unterstützt. Brauchen wir in Deutschland eine entsprechende Organisation, damit niemand mehr in die Schweiz fahren muss oder sollen solche Organisationen verboten werden? Am 6. November 2015 fiel die Entscheidung im Bundestag. Es wurde beschlossen, die „geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung“, grob gesagt, die organisierte kommerzielle Sterbehilfe, zu verbieten. Im Folgenden werde ich nicht die verschiedenen Standpunkte zu dieser Entscheidung darlegen und beurteilen, sondern meine ganz persönlichen Gedanken nach vielen Jahren Hospizarbeit in der Schweiz und Deutschland mit dem Leser teilen.

Als Pflegekraft in einem Schweizer Hospiz für Menschen, die überwiegend an Aids erkrankt waren, habe ich Anfang der 90er Jahre einen Patienten betreut, der für sich eine Grenze für ein ihm erträgliches Leben festgelegt hatte und bei seinem Suizid unterstützt wurde, als diese Grenze überschritten war.

An dem Tag als Paul starb, war ich für ihn zuständig, aber nicht in seine Pläne involviert. Im Frühdienst habe ich ihm auf Wunsch sehr viele Lilien besorgt und auf Anweisung des Arztes das Kortison erhöht, mit dem Ziel seine Klarheit zu stärken. Im Nachhinein habe ich mich gefragt, ob ich zu naiv war, um diese Vorbereitungen nicht als das zu erkennen, was sie waren. Aber ich bin froh, dass ich die Fähigkeit habe, mich nicht zu involvieren, wenn ich nicht gefragt bin. Es gibt Dinge, die mich nichts angehen, wo ich Vertrauen in die Akteure habe und deren Verantwortung respektiere. In diesem Fall kamen am Ende meines Dienstes der Arzt, der Seelsorger und der Einrichtungsleiter zu Paul. Nichts Außergewöhnliches, denn es fanden im Laufe des letzten halben Jahres einige Gespräche in ähnlicher Zusammensetzung statt. Am nächsten Tag erfuhr ich, dass Paul ein tödliches Mittel genommen hatte. Er wurde dabei nicht alleine gelassen. Es war keine Sterbehilfe-organisation beteiligt. Als Pflegeteam erfuhren wir erst danach, dass Paul den Plan auf diese Weise zu sterben, schon bei seiner Aufnahme formuliert hatte und genau wußte, ab wann sein Leiden für ihn nicht mehr erträglich sein würde. In vielen Gesprächen sprach er mit den involvierten Personen und wiederholte seine Entscheidung meist in Situationen, wo es ihm gut ging. Sein Seelsorger und der Arzt haben ihm Optionen für sein Leben mit immer mehr Einschränkungen gezeigt, aber ihm auch versprochen ihn nicht alleine zu lassen, wenn er seine Entscheidung umsetzen würde. Wir anderen im Team haben ihn als ausgeglichenen Menschen kennengelernt, der seine Krankheit bewältigen konnte. Die starke Verschlechterung der letzten Tage war deutlich, aber keiner von den nicht involvierten Pflegekräften hätte mit einem Suizid gerechnet. Die Reaktion im Team war unterschiedlich. Niemand verurteilte das Geschehene, aber einige hätten gerne mehr Informationen im Voraus gehabt. Ich hingegen war froh, dass ich zu diesem Zeitpunkt nicht einbezogen war. So musste ich die Entscheidung von Paul und seinen Vertrauten nicht beurteilen und schon gar nicht verurteilen. Es hieß, dass Paul seine letzte Lebenszeit nur ausgeglichen leben konnte, weil er wusste, dass er die Grenze seiner Kraft und seines Lebens selber festlegen konnte.

IMG_6841-kInzwischen habe ich ca. 25 Jahre mehr Erfahrung in der Palliativpflege. Wie erlebe ich die Auseinandersetzung mit dem Thema in meiner täglichen Arbeit heute?

„…eigentlich will ich ja in die Schweiz fahren“, eine Aussage, die mir im Hospiz regelmäßig, jedoch im Bezug auf die Zahl aller Patienten selten begegnet. Doch ähnliche Äußerungen, z.B. die Frage nach der schnellen Tablette werden manchmal gemacht. Oft sagen die Patienten in einem Atemzug dazu, dass sie wissen, dass das bei uns ja nicht geht. Klingt fast als wären sie froh darüber. Was wollen sie mit einer solchen Aussage ausdrücken?

Krankheit, Schwäche, Kontrollverlust und vor allem Hilfsbedürftigkeit, sind schwierige Themen für uns Menschen. Hilfe anzunehmen und unsere Lieben in ihrer Freiheit einzuschränken, ist besonders schwer. Da formuliert mancher seine Grenze für lebenswertes Leben sehr schnell. Glücklicherweise kann ich sagen, dass die meisten Menschen dann doch Schritt für Schritt lernen, mit ihrer Krankheit zu leben und die ihnen angebotene Hand zu nehmen. Und umgekehrt, gibt es wunderbare Familien und Freunde, die ihre Unterstützung gerne geben und dabei erleben, dass in allem Leid auch Glück erlebt wird.

Nicht zuletzt hören wir immer wieder, dass die Zeit im Hospiz intensiv und sehr schön war. Hier sind die Menschen alle aufmerksam und zugewandt – eine Erfahrung, die sich am Ende des Lebens lohnt. Leben und lernen bis zuletzt!

Und genau das ist es, was ich möchte und weswegen ich in einer sozialen Nonprofitorganisation arbeite. Ich wünsche mir eine Gesellschaft in der Fürsorge, Akzeptanz des Schwächeren, Mitgefühl und die Bereitschaft zu helfen und sich helfen zu lassen große Werte sind. Autonomie kann der Fürsorge als Wert gegenüber stehen. Manchmal ergibt sich daraus ein Dilemma, das abgewogen werden muss. Aber Autonomie darf nicht der einzige Wert einer Gesellschaft sein.

Darum gibt es keinen Zweifel: Palliativmedizin und Pflege muss gestärkt werden. Jeder – auch der multimorbide Bewohner des Pflegeheims – muss Zugang zu einer fürsorglichen und symptomorientierten Betreuung haben. Dieses Ziel ist nicht erreicht und angesichts der Bevölkerungspyramide in Zukunft besteht die Gefahr, dass wir es nicht erreichen werden.

Wir erleben im Hospiz Menschen, die sofort sterben wollen. Bei vielen ist der Wunsch da, ohne dass sie selber über eine aktive Beschleunigung nachdenken. Andere würden ernsthaft Hilfe in Anspruch nehmen, aber der Wunsch taucht auf und verschwindet wieder. Sie sterben am Ende meist in Frieden, auch wenn der Weg nicht ohne Leid gegangen wurde. Wenn man sie fragt, was das Leben zuletzt lebenswert oder wenigstens aushaltbar macht, ist es die Liebe, die Aufmerksamkeit, das Getragen werden. Menschen zu erleben, die nicht weggehen oder wegsehen, sondern die Hand reichen. Das sind die Werte, die wir im Hospiz leben und für die Hospizarbeit steht. Unsere Aussage lautet: „Wir sind berührt von Deinem langen Weg und Deinem Wunsch, dass es zu Ende geht. Wir wünschen es Dir und tun nichts, um Dich hier zu halten. Aber wir beschleunigen nicht. Auf Deine Situation reagieren wir mit Aufmerksamkeit. Wir bilden eine Kohärenz – stellen ein neues Gleichgewicht her – wenn alles körperliche unsicher wird – bieten wir eine neue verlässliche Sicherheit in der Gemeinschaft.“

Es beeindruckt mich, wenn Sterbende erzählen, dass sie in dieser letzten Zeit sich selber in ihrem tiefsten Wesenskern erfahren, sie gehen im wörtlichen Sinn zu Grunde – also auf ihren Grund zurück. Das sind keine leichten aber lohnende Lebenserfahrungen.

Hospiz bedeutet in schweren Situationen Beistand zu gewähren. Ich fände es schwierig, wenn ich gleichzeitig auch die Option für den schnellen Tod bereitstellen könnte. Wenn es einfach ist, sich für „die Pille“ zu entscheiden, ist es vielleicht schwieriger die Fürsorge anderer zu beanspruchen. Und gibt es dann nicht Menschen, die ebenfalls finden, dass es jetzt kein erträgliches Leben mehr ist und dem Leidenden ihr Verständnis für die Einnahme der „Pille“ mitteilen?

Es gibt Situationen, wo nichts das Leiden wirklich lindert. Durch eine Sedierung das Bewusstsein zu senken oder ganz auszuschalten, ist dann die letzte Möglichkeit für uns. Diesen Schritt gehen wir, respektive die Ärzte, mit großer Sorgsamkeit. Aber er ist nicht der schnelle Ausweg, er ist unter Umständen noch rückgängig zu machen. Eine Sedierung kommt konsequent nur dann in Frage, wenn schwerwiegende Symptome nicht anders gelindert werden können. Der Patient muss sich bei einer Sedierung der Fürsorge anderer erst recht anvertrauen. Und für mich ist es ein anderes Gefühl, jemanden das Bewusstsein durch Medikamente zu nehmen, wenn sein Leid sonst nicht gelindert werden kann, als wenn ich ein Mittel bereitstelle, wo alles sofort zu Ende ist.

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