Stefan und der gefällte Birnbaum

Sibilla Brombach

Sibilla Brombach

Sibilla Brombach-Lersch ist Jahrgang 1943 und hat zusammen mit ihrem Mann Josef und zahlreichen Mitstreitern 1990 ein kleines Hospiz mit acht Betten neben ihrem Wohnhaus gegründet, aus dem später ein größeres Pionierprojekt der deutschen Hospizbewegung wurde, das heutige Elisabeth-Hospiz in Lohmar-Deesem. Sie hat mehr als 2000 Menschen durch den Tod begleitet. Mit weitem Herzen und voller Mitgefühl, war sie immer da, wenn sie gebraucht wurde. Wir haben ihr einen eigenen Platz in ED gegeben, an dem Sie uns teilhaben lässt an ihren Erfahrungen und Einsichten. Sie wird immer wieder mit Veröffentlichungen dabei sein.
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Stefan war 33 Jahre alt, als er zu uns kam. Er hatte AIDS. Es war zu der Zeit als HIV noch nicht mit Medikamenten eingedämmt werden konnte. Alle hatten große Angst, sich zu infizieren. Manche dachten, wenn ein HIV-Kranker mich anhaucht, dann steckt er mich an. Das war so in den 80iger Jahren. Man fürchtete sich vor AIDS-Kranken und verurteilte sie.
Als Stefan zu uns kam, war er sehr traurig. Er hatte sein inneres Gleichgewicht vollkommen verloren. Stefan war völlig verzweifelt, dass er durch Infusionen von Blut eines unbekannten, anderen Kranken HIV bekommen hatte. Ohne zu wissen, dass Stefan an HIV erkrankt war, wurde seine Frau von ihm schwanger. Trotz des eigenen Schicksals waren er und seine Frau sehr glücklich: „Wir sind so froh, dass unser Kind, unser Sohn, nicht infiziert ist. Es ist ein riesig großes Glück; es ist so selten wie eine Stecknadel im Heuhaufen finden.“

Wenn Stefan ins Grübeln kam und ich sehen konnte, wie ihm buchstäblich die Angst im Nacken saß, war er dankbar, für jede kleine Ablenkung. Einmal half ihm, wenn ich still seine Hand hielt; ein andermal lachten wir gemeinsam über einen Witz. Ganz schlimm war für ihn die bange Frage: „Was passiert gerade mit mir, warum muss ich mit 33 Jahren schon alles verlieren, meinen kleinen Sohn, meine liebe Isa?“ Er quälte sich mit der Frage: „Es kann doch in all dem keinen Sinn geben – oder doch, Sibilla?“ Dann habe ich ihn nur angeschaut, Hand in Hand. Als sich dabei sein Gesicht etwas entspannte, spürte ich, Stefan wollte jetzt keine kluge, noch so gut gemeinte, aber hilflose Antwort. Tags darauf erzählte ich ihm von mir, als ich als 12jähriges Mädchen keine Aussicht auf Heilung hatte. Ich kann nicht sagen, was, aber irgendetwas hat mir meine Angst gelöst. Ein Schimmer von Hoffnung huschte über sein Gesicht. – Seltsam: Manchmal spürte ich bei ihm: „Ich habe absoluten Hunger aufs Leben“ und dann wieder diese große Gelassenheit. Kann es sein, habe ich mich gefragt: Weil er diesen Lebenshunger hat, hat er auch den Tod nie vergessen? Beides gehört wohl zusammen. Das hat er nicht gesagt. Aber ich konnte es fühlen.

Für Stefan war es enorm wichtig, intensiv zu leben, dabei zu sein. Zum Beispiel nahm Stefan alles genau auf, als neben seinem Zimmer draußen ein alter Birnbaum gefällt werden musste, weil dort das neue Hospiz gebaut werden sollte. Der würdige alte Baum muss weichen? Nein, nicht einfach so! Gemeinsam haben wir dafür gesorgt, das lange Leben des alten Baumes angemessen zu feiern: Denn es macht vielleicht Sinn, dass er sein Leben für etwas Besonderes, für das neue Hospiz hergibt. Er stirbt, damit etwas Neues geboren werden kann. Ich wusste, Stefan tut das gut, wenn er erlebt: Das Leben des Baumes endet mit unserer Wertschätzung, in Würde und es entsteht etwas Neues.

Wir haben einen Rosenkranz an den Birnbaum gehängt. Ich habe Bachblüten, Rescue –Tropfen, auf ihn geträufelt und dem Baum dabei gesagt: Du gibst jetzt dein Leben für etwas Besonderes. Der Baum hatte starke Wurzeln; wir konnte sie deutlich spüren. Und doch war es für ihn sehr anstrengend, wenn er im Herbst die Last der vielen Früchte tragen musste.

Bevor der Baum gefällt wurde, haben wir ein richtiges Fest gefeiert – samstags mit lecker gegrillten Koteletts und einem frischem Fässchen Bier. Alle waren eingeladen aus dem kleinen Hospiz, die Schwestern, die Kranken, Verwandte und Freunde, natürlich auch eine ältere Dame, die im Hospiz lebte und die schon dem Lebensende nahe war. Sie roch das Gegrillte und fühlte sich wie zuhause. Mit Genuss aß sie etwas davon und trank zaghaft ein kühles Bier. Das hat sie offensichtlich wieder aufgerichtet. Von diesem Zeitpunkt an hat sie noch viele Monate bei uns gelebt. Wie eine Familie waren wir zusammen. Die Gerüche und das Essen, alles das war wie Zuhause-Sein. Wenn man sich zuhause fühlt, dann lebt man noch mal ein bisschen auf, weil man spürt: Ich bin dabei, wir gehören zusammen. Der Tod lässt manchmal etwas auf sich warten, wenn wir uns mit anderen zusammen gut fühlen und wir Freud und Leid gemeinsam teilen. Viel haben wir bei diesem Totenbaum-Abschied gelacht.

Es war Montag, als der Baumfäller mit der scharfen Säge kam. Wir sind alle auf dem Balkon vom alten Hospiz. Als wir so zusammen stehen, – die Säge wurde gerade angesetzt, – da wird unser Stefan immer ruhiger und ruhiger. Er wird blass. Der Baum fällt. Da lehnt er seinen Kopf an meine Schulter und flüstert mit weinerlicher Stimme: „Er hat keinen Widerstand geleistet.“ „Stefan, wie meinst du das: Er hat keinen Widerstand geleistet?“ Stefan erklärt mir: „Es ist schlimm für den Baum. Er ist hilflos, aber er ist nicht allein. Es wird ja auch alles für ihn getan: gebetet, sogar ein Fest wird für ihn gefeiert. Alles geschieht, damit es dem Baum gut gehen kann.“

So haben wir für Stefan eine Brücke gebaut. In der Arbeit im Hospiz geht es immer darum: Was muss passieren, damit man ruhig sterben kann? Deshalb sollte man Augen und Ohren offen halten, wenn man weiß, ein Gast ist nur noch für die letzten Wochen und Tage hier. Wenn dir ein Zeichen vom Leben gegeben wird – so wie mit dem Birnbaum – dann tue das Richtige! Stefan wurde etwas bewusst durch unser Tun. Ganz sicher hat Stefan sein eigenes Schicksal in diesem Baum erlebt. Seine bange Frage klang an: „Werde auch ich so gefällt? Seid ihr dann auch bei mir?“

Es war so toll, wie Stefan jedes Frühstück genoss. Dies und der umsorgt fallende Birnbaum, das war die Arbeit für ihn, um zu gehen. Man muss Leben vermitteln, wenn es ums Sterben geht.

Brücken bauen ist leben, das Frühstück genießen ist leben.

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