„Und da ist der Willi, der mich behütet und beschützt!“

Traumatisierungen und demenzielle Erkrankungen - Gibt es Zusammenhänge?

In der letzten Lebensphase leiden zahlreiche ältere Menschen an Demenz und oder traumatische Erfahrungen brechen auf. Das ist ein großes Leiden. Oft sind die Begleitenden hilflos. Die Autorin erläutert Zusammenhänge von Trauma und Demenz und zeigt an einem Beispiel aus ihrer Begleitungserfahrung wie Ängste minimiert werden können, so dass das Erleben von innerem Frieden und Wohlbefinden gestärkt wird. Der Artikel hat drei Teile, einen sehr lebenspraktischen: Die Geschichte von Frau Meier und einen theoretischen zur Psychotraumatologie. Im letzten Teil beantwortet die Autorin häufig gestellt Fragen zum Thema Demenz.

Frau Meier und die Schatten ihrer Vergangenheit

Sie ist 86 Jahre alt, sie lebt zu Hause und wird von ihrer Tochter unterstützt. Ein ambulanter Dienst kommt täglich zur körperlichen Versorgung. Sie hat die Diagnose Demenz vom Typ Alzheimer in einem mittelschweren Stadium. Gleichwohl ist kritisch zu hinterfragen, ob ihren Symptomen und ihrem Verhalten eine demenzielle Erkrankung zugrunde liegt oder ob es sich um Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) oder gar um eine Trauma-Spätfolgestörung nach komplexen Traumatisierungen handelt. Möglicherweise müssen beide Krankheitsbilder berücksichtigt werden, wenn man Frau Meier (Name von der Redaktion geändert) besser verstehen und sie so gut wie möglich unterstützen möchte.

Frau Meier hat Gedächtnisstörungen – insbesondere ist das Kurzzeitgedächtnis sehr eingeschränkt – das heißt, sie weiß nicht mehr, was gestern geschehen ist. Sie erinnert sich meist am Nachmittag nicht mehr daran, ob sie schon zu Mittag gegessen hat und was es zu essen gab, und sie weiß nicht, dass ihre Tochter bereits am Vormittag bei ihr war. Manchmal ist es aber auch anderes. Das Langzeitgedächtnis funktioniert noch recht gut, zumindest, wenn die Tochter mit ihr alte Fotos anschaut, kommen Erinnerungen zurück. Oder Frau Meier stimmt in ein altes Lieblingslied mit ein, das gelegentlich die Mitarbeiterin des ambulanten Dienstes singt. Da kennt sie alle Strophen auswendig. Sie singt mit Freude, obwohl die Abhängigkeit bezüglich der Körperversorgung und die Pflege furchtbar für sie sind.

Frau Meiers Stimmungen und Gefühle ändern sich sehr schnell, ohne dass von außen Gründe ersichtlich sind. Frau Meier kann meist nicht entscheiden und planen, was sie möchte. Immer wieder fragt sie ihre Tochter: „Was soll ich jetzt tun? Ist das gut für mich? Wo bist du?“ Ihre sprachliche Kompetenz ist noch ein wenig vorhanden. Doch häufiger erfordert es große Anstrengung für sie, die richtigen Wörter zu finden. Manchmal formuliert sie irgend ein Wort, damit keine Sprachlücken entstehen. Immer öfter schreit sie laut und wiederholt: „Hilfe! Wo bist du?“.  Währenddessen läuft sie ganz unruhig in ihrer Wohnung umher. Ihre Unsicherheit und Angst sind spürbar und verstärken sich. Wenn dann jemand kommt, beginnt sie meist sich langsam wieder zu entspannen.

Als Frau Meiers Ängste und ihre Unruhe massiv zunahmen, hat die Tochter einerseits eine 24-Stunden-Betreuung organisiert, anderseits mich angefragt, ob ich ihre Mutter psychologisch begleiten könne. Mir wurden folgende Ziele genannt: Wichtig ist die Minimierung der Ängste und Unruhe von Frau Meier. Ich soll herausfinden, wie sie mehr Wohlbefinden erleben kann und inneren Frieden findet.

In dieser Begleitung hatte ich das Glück, dass ich von der Tochter einiges über das Leben ihrer Mutter erfahren habe. Frau Meier hatte mit ihren Eltern und ihrem Bruder einen Garten, den sie liebte. Ihr Bruder war etwas älter und hieß Willi. Sie liebte diesen Bruder sehr. Er hatte gleichzeitig auch eine Vaterfunktion – wie so häufig in Kriegszeiten und danach, da der Vater an der Front war. Sie hat dann als ca. zehnjähriges Mädchen miterleben müssen, wie ihr Bruder auf einem LKW erschossen wurde. Diese Situation war stark traumatisierend für sie, rief sie unter anderem doch immer wieder: „Hilfe, wo bist du? Lass mich nicht allein!“. Das ist eine schreckliche Situation, in der sie sich vor allem ohnmächtig und hilflos gefühlt haben muss.

Die heilende Kraft der Imagination

Deshalb habe ich eine Geschichte kreiert, die einen sicheren Ort beinhaltet und an dem ein Wesen ist, das ihr Trost, Halt und Geborgenheit gibt. (Das ist der Teil, den orientierte Klienten selber imaginieren.) Heilende Geschichten haben die gleiche Funktion und Wirkung wie Imaginationen.

Dies ist die kurze Geschichte, die ich kreiert habe: „Da ist ein wunderschöner Garten, es gibt alle Früchte, die die Ilse (Frau Meier) so gerne mag, und der Garten ist von einer schützenden Hecke umsäumt. Es gibt eine Schaukel, eine Liege an Ilses Lieblingsplatz und dahinter steht ein großer Walnussbaum, der sie schützt. Und da ist auch jemand, der sie behütet und beschützt.“

Ich habe in jeder Sitzung – zwei Mal je Woche á 45 Minuten – mit dieser Geschichte begonnen. An ihrem Lächeln konnte ich wahrnehmen, dass sie sich freut und schon auf die Geschichte wartet.

Nach etwa vier Wochen geschah dann folgendes: Frau Meier hat die Geschichte alleine zu Ende erzählt: „Und da ist der Willi (ihr Bruder Willi), der mich behütet und beschützt!“ Dieser Moment war sehr berührend für mich und sicher für uns beide.

Hier eine kurze Deutung des Geschehens: Frau Meier hat ihren Bruder wieder auf positive Weise in ihr Leben geholt. Ich habe immer wieder und über mehrere Wochen diese Geschichte erzählt. Frau Meier ging es von Mal zu Mal besser. Ihr Wohlbefinden und ihre Gefühle von Geborgenheit, Sicherheit wuchsen kontinuierlich. Das Ergebnis ist: Dieser sichere, innere Ort hat sie mehr und mehr stabilisiert. Sie hat ihren Bruder wieder in ihr Leben integriert mit all dem Positiven, das er für sie bedeutet hat, und hat auf diese Art nicht nur mehr Halt sondern Freude am Leben bekommen. Ängste waren nicht mehr wahrnehmbar. Sie wünschte, dass wir gemeinsam beteten und ihren Bruder Willi mit einbezogen.

Meine Begleitung war an dieser Stelle zu Ende. Ihre Tochter hat ihr immer wieder diese Geschichte erzählt. Sie hat sowohl ein Foto des Bruders mit Frau Meier gefunden und vergrößern lassen als auch ein altes Spielzeug von Willi gefunden, das nun gut sichtbar für Frau Meier als Symbol der Verbundenheit neben dem Foto steht.

Für diese Form traumatherapeutischer Begleitung ist es sehr bedeutsam, dass die Geschichte wieder und wieder erzählt wird. Es gilt, die verkümmerten Regionen im Gehirn, die für positive Emotionen zuständig sind, immer wieder zu stimulieren, denn neues Lernen erfordert bis zu 1000maliges Üben! Im Fall alter, demenziell veränderter Menschen gehören selbstverständlich weitere Maßnahmen wie angemessene Pflege, Begleitung und Aktivierung zur Betreuung dazu, damit sie sich wohl, sicher und wertgeschätzt fühlen.

Psychotraumatologie – Was ist das?

Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und heißt in etwa Wunde, Verletzung. In unserem Zusammenhang sind seelische Verletzungen gemeint oder seelische Schockerlebnisse, die innere Wunden geschaffen haben und Narben hinterlassen.

Ein Trauma ist eine extreme Stresssituation, also eine starke Belastungssituation, der man absolut ausgeliefert ist, das heißt Flucht oder Angriff sind nicht möglich. Neurobiologisch geregelt, überwiegend durch massive Ausschüttung von Hormonen wie Cortisol, sind Gefühle wie Angst, Trauer, Schrecken und Wut akut nicht fühlbar. Das Trauma wird meist verdrängt. Während eines Traumas geschieht eine Spaltung der Persönlichkeit. Das ist eine Dissoziation, die bestehen bleibt, und die immer wieder auftritt, wenn die traumatische Erfahrung nicht integriert ist. Nach Wochen, Monaten oder gar Jahren zeigen sich Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) von der WHO seit den 80iger Jahren als psychisches Störungsbild definiert. Dazu gehören:

  • Intrusion: Erinnerungsfetzten, Bilder, die ungewollt auftauchen und mit Gefühlen von Angst bis Panik verbunden sind (Flashbacks);
  • das Vermeiden von Stimuli, die als Auslösereize wirken;
  • Übererregung, mental und vegetativ
  • Konzentrationsstörungen
  • Veränderungen im Tag-Nachtrhythmus
  • immer wieder Orientierungsprobleme.

Geht es speziell um Verluste, gibt es den Begriff der traumatischen Trauer. Nach mehrfachen Traumatisierungen spricht man von komplexen Trauma-Folgestörungen. Neben den Symptomen der PTBS treten hierbei verstärkt auf:

  • Depressionen
  • schlechtes Selbstwertgefühl
  • ungesteuerter Umgang mit Ärger
  • Kompensationen wie Sucht; dissoziatives Verhalten (nach innen „wegdriften“)
  • Misstrauen und Bindungsprobleme
  • Angststörungen

Man weiß, dass ursächlich bei Depressionen und Angststörungen traumatische Erlebnisse bis zu über 50% eine Rolle spielen.

Kriegserfahrungen und Trauma

Die Lebensgeschichten der heute alten Frauen und Männer der Kriegsgeneration sind häufig geprägt durch Traumatisierungen; auch durch geschlechtsspezifische Gewalterfahrungen.

Besonders sind es Ereignisse im und nach dem Zweiten Weltkrieg oder in anderen Kriegs- oder Konfliktregionen, wie Flucht und Vertreibung, NS-Verfolgung, Vergewaltigungen, Bombenangriffe und eigene Gewalttaten, z.B. als Soldat. Hinzu kommen häusliche und sexualisierte Gewalt, z.B. gegen Frauen, chronische Erkrankungen, eine beginnende Pflegebedürftigkeit und viele weitere traumatische Erlebnisse. Diese – meist unverarbeiteten – Ereignisse können durch vielerlei Situationen, die über unsere Wahrnehmung ausgelöst werden, wieder aktiviert werden. Auslöser (auch Trigger genannt) können beispielsweise sein: Körperversorgung, insbesondere im Intimbereich, Einzug in ein Heim oder Einweisung in ein Krankenhaus, allein gelassen werden, Verlusterfahrungen… . Das sind sogenannte Re-Traumatisierungen sowie Trauma-Aktivierungen. Es ist wichtig zu verstehen, dass das Erleben solcher Situationen für die Betroffenen im Jetzt wie damals (!) ist.

Demenz und Trauma – imaginative Traumatherapie und Geschichten

Es gibt Zusammenhänge zwischen dem Syndrom Demenz und den Folgestörungen nach Traumatisierungen. Meine Erfahrungen sprechen dafür, dass erlebte Traumata mit Ursache einer Demenz sind, zumindest der vom Typ Alzheimer (diese macht immerhin 60% bis 70% des Syndroms Demenz aus). Vielleicht ist nicht immer heraus zu finden, was Ursache und was Wirkung ist. Das ist auch nicht unbedingt notwendig. Sicher hat der Blick auf diese Phänomene auch zu tun mit dem jeweiligen (beruflichen) Hintergrund der begleitenden Personen.
Ich habe eine traumatherapeutische Weiterbildung bei Frau Prof. Dr. Luise Reddeman, PITT–Modell (Psychodynamisch imaginative Traumatherapie) absolviert und arbeite daher nach dem PITT- Modell. In der Begleitung alter, demenziell veränderter Menschen habe ich Erfahrungen gesammelt, die meiner Einschätzung nach heilend wirken, das heißt es verbesserte sich wahrnehmbar das persönliche Wohlbefinden und es breitete sich ein innerer Frieden aus.

Die Stabilisierungsphase ist unbedingt erforderlich. Das heißt über Imagination oder Geschichten kreiere ich einen sicheren Ort, an dem sich die Person, die ich begleite, geborgen und nicht alleine weiß. Das dient dem Aufbau verkümmerter Regionen des Gehirns, die für positive Emotionen zuständig sind. Und diese Phase der Stabilisierung ist es auch, die ich in abgewandelter Form für die psychologische Begleitung alter Menschen mit der Diagnose Demenz nutze, so wie im beschriebenen Fallbeispiel von Frau Meier.

Was kann getan werden?

  • Wahrnehmung stimulieren, die mit positiven Situationen zusammenhängt
  • Erfahrungen stimulieren, die positive Zustände hervorrufen und fördern – mit Hilfe von Imaginationen, positiven Geschichten, Bildern, Musik
  • Ressourcenorientiertheit mit der Fragestellung: Welche Erfahrungen sind für diese Person positiv?
  • Förderung der Resilienz: Was stärkt die seelischen Widerstandskräfte?

Es gilt, die Konzentration immer wieder auf Stärken, Sicherheit, Geborgenheit und Stabilität zu lenken. Dabei ist die Ressource Spiritualität nicht zu vergessen. Damit meine ich den Glauben an eine Kraft/ Macht, die stärker ist als ich, die mich behütet und beschützt und der ich vertraue. Imagination bei dementen Menschen, die ich anrege, ist orientiert an der Lebenserfahrung und den Ressourcen meiner Klienten. Imagination wird angeregt vom Erzählen positiver Geschichten. So werden die verletzten Anteile der Psyche gesehen, (verstanden) unterstützt, integriert und geheilt. Es geht immer um einen sicheren und geschützten Ort, um das Annehmen dessen, was da ist, und um zusätzliche Unterstützung durch „Helferwesen“, Wesen aus der geistigen Welt oder anders ausgedrückt, Wahrnehmungen, innere Bilder, die heilsam wirken, beziehungsweise positiven Energien.

Kompetenzen der Begleitenden

Welche Kompetenzen sollten Begleitende haben, die in dieser Richtung stabilisierend mit dementen Menschen arbeiten wollen, die (wahrscheinlich) traumatisiert sind?

  • Eine angemessene therapeutische Grundhaltung, die gekennzeichnet ist durch Respekt und Wertschätzung, Gleichwertigkeit, Achtsamkeit und Verbundenheit mit den zu begleitenden Menschen (und mit allen Lebewesen)
  • Erfahrungen mit älter werdenden und alten Frauen und Männern
  • Eine Haltung, die bedeutet: weg vom Urteilen „die demente Frau/der demente Mann“ hin zu: „Eine Frau/ein Mann, die/der Traumatisierung erlebt hat“. Das verändert unmittelbar die Sicht auf diese Frau/diesen Mann und damit auch den Umgang mit ihr/ihm und deren Begleitung
  • Basiswissen zu demenziellen Erkrankungen und dem Umgang mit Menschen mit Demenz
  • Erfahrungen in Biografiearbeit
  • Differenziertes Wissen bezüglich der Zeitgeschichte und den sozialen und kulturellen Umständen. Was haben die Menschen erlebt und erlitten?
    Ressourcenorientiertes Arbeiten: Fokussierung auf Resilienz stärkende Anregungen
  • Im Idealfall eine psychologische Schulung. Wenn keine traumatherapeutische Aus- und Weiterbildung absolviert wurde, ist es sinnvoll sich beratende Unterstützung zu holen.

Häufig gestellt Fragen und Antworten

Warum ist es wichtig möglichst noch vor dem Tod alte Traumata aufzulösen?

Es macht den Sterbeprozess wesentlich leichter und es gibt nicht so viel Angst und Kampf. Erfahrungen zeigen immer wieder, dass sowohl durch die Erkrankung an einer Demenz und dann vor allem auch im Sterbeprozess alte Traumata aktiviert werden, also wieder aufbrechen. Das macht den Betroffenen meist große Angst. Sie fühlen sich hilflos, verletzt, verzweifelt und auch wütend. Doch sie selber können den Zusammenhang zu alten Traumatisierungen nicht herstellen. Und selbstverständlich erleichtert es auch die Begleitung, wenn alte, schwere Belastungen weitestgehend geheilt sind.

Wie finde ich als Laie heraus, ob eine Traumatisierung vorliegt?

Grundsätzlich ist das schwer möglich. Doch es gibt Orientierungshilfen: Wenn ein dementer, im Sterben liegender Mensch scheinbar (ausgehend von der äußeren Situation) extrem heftig Ängste, Wut …zeigt, dann ist es naheliegend, dass es noch nicht erledigte und bearbeitete Dinge gibt. Des weiteren ist es hilfreich, die Zeitgeschichte ein wenig zu kennen. Wann und wo ist die Person geboren? Was ist wahrscheinlich? Was hat sie erlebt und erlitten? Welches Geschlecht hat die Person? (z.B. jetzt alte Frauen haben als junge Frauen und Mädchen zwischen 50% und 70% sexuelle Gewalt erlebt, neben Erfahrungen häuslicher Gewalt). Ich empfehle, dass sowohl Laien als auch professionell Tätige, die im Seniorenarbeit und/oder im Hospiz tätig sind, sich ein Grundwissen über Psychotraumatologie aneignen.

Was kann ich tun, wenn ich die Lebensgeschichte einer Person nicht kenne aber spüre, sie ist traumatisiert?

Vertrauen Sie auf Ihr Gefühl und schauen Sie, was Sie für sich tun können, damit Sie sich sicher und möglichst entspannt fühlen. Dann geben Sie der zu begleitenden Person sowohl verbal als auch non-verbal das Gefühl von Sicherheit, Halt, Geborgenheit und Schutz. Es geht „nur“ um Stabilisierung, nicht um die alten Themen! Der einzige Kardinalfehler wäre es demnach, die Person mit dem Trauma zu konfrontieren. Soweit möglich und bekannt, ist es hilfreich eventuell noch vorhandene Ressourcen zu nutzen. Das gibt auch Sicherheit und Stabilität.

Was ist, wenn die demente Person einer Imagination nicht mehr folgen kann?

Imaginationen, als heilende Kraft, so wie es Frau Prof. Dr. Reddemann beschreibt, sind ab einem bestimmten Stadium der Demenz nicht sinnvoll (Überforderung mit verschiedenen Realitäten). Ich habe hilfreiche Erfahrungen mit einer von mir entwickelten Methode gemacht. Anstatt Imaginationen entwickle ich heilende Geschichten – im besten Fall abgestimmt auf die Biografie der Person. Das habe ich ausführlicher in dem folgenden Buch erläutert: Martina Böhmer, Ich fühle mich zum ersten Mal lebendig, Traumasensible Unterstützung für alte Frauen, hg. von Paula e.V., Mabuse Verlag, 2016.

Wie halte ich die Hilflosigkeit aus, die mich erfasst, wenn mich Frau K. nicht wieder erkennt? Wie komme ich in Kontakt, wenn ich nicht verstehe, was sie meint?

Hier helfen tatsächlich Informationen über das Krankheitsbild demenzieller Erkrankungen. Ich weiß dann, dass Frau K. mich nicht wieder erkennen kann. Und so ist es meine Aufgabe, mich immer wieder neu vorzustellen und den Kontakt herzustellen. Kleine Rituale können helfen, dass sie sich möglicher Weise erinnern kann. Verstehe ich Frau K. nicht, überprüfe ich,

  1. soweit als möglich, ob ihre körperlichen und seelischen Bedürfnisse erfüllt sind.
  2. Ich spreche mit Angehörigen und anderen Menschen, die sie begleiten, und frage diese, was Frau K. wohl meinen könnte.
  3. Ich nutze die Integrative Validation, IVA , eine wertschätzende Kommunikationsmethode, speziell für Menschen mit Demenz.
  4. Ich vertraue meiner Intuition und probiere etwas aus.

Wie gehe ich damit um, wenn jemand schreit und mich zurückweist?

Ich prüfe zuerst, ob es etwas gibt, was ich eventuell ändern kann. Dabei stelle ich mir folgende Fragen: Wie ist meine Haltung der Person gegenüber? Kann ich sie so annehmen, wie sie ist? Kann ich mich ihr positiv zuwenden? Oder lehne ich etwas ab bei ihr? Bin ich präsent oder vielleicht innerlich woanders? Ist das für mich geklärt, so kann ich mit der IVA (siehe Erläuterung einen Abschnitt höher) prüfen, ob ich mit Kommunikation etwas bewirken kann. Finde ich keinen Grund, der veränderbar bei mir ist; so sollte ich die Begleitung abgeben.

Ausgewählte Literatur

Neue Wege aus dem Trauma

Erste Hilfe bei schweren seelischen Belastungen
Gottfried Fischer
Patmos Verlag der Schwabenverlag; 2011,
http://www.patmos.de/neue-wege-aus-dem-trauma-p-7746.html

Ich fühle mich zum ersten Mal lebendig

Traumasensible Unterstützung für alte Frauen
Martina Böhmer … mit Artikel von Brigitte Merkwitz hg. Paula e.V.
Mabuse Verlag, 2016.
http://www.mabuse-verlag.de/Mabuse-Verlag/Produkte//Mabuse-Verlag/Unsere-Buecher/Pflege/Ich-fuehle-mich-zum-ersten-Mal-lebendig-/id/bf5a004b-1bbf-f6ee-90d7-223f806de9d7

Imagination als heilende Kraft

Zur Behandlunng von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren
Luise Reddemann und weitere
Pfeiffer bei Klatt-Cotta Verlag, 9.Auflage, 2003
http://www.klett-cotta.de/buch/Trauma/Imagination_als_heilsame_Kraft/5137

 

Brigitte Merkwitz

Brigitte Merkwitz

Brigitte Merkwitz aus Alfter bei Bonn ist seit 20 Jahren tätig im Senioren- und Hospizbereich mit Fortbildungen, Supervision und Coaching. Sie hat eine eigene Praxis, in der sie psychologische und spirituelle Begleitung anbietet.
Traumathearpeutische Weiterbildung bei Frau Prof. Dr. Luise Reddemann, PITT = Psychdynamisch-imaginativer Trauma Therapie.

www.sich-weiterbilden-merkwitz.de
www.praxis-fuer-lebensgestaltung.de
Brigitte Merkwitz

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1 Antwort

  1. Norbert Greuel sagt:

    Ein sehr interessanter und informativer Artikel, der den Aspekt der Folgestörungen nach Traumatisierungen in den Behandlungshorizont des psychiatrischen Syndroms einführt und überzeugend darstellt. Es ist zu vermuten, dass traumatisierende Erfahrungen mit Flucht, Vertreibung und Gewalt erneut wichtig werden, wenn unsere Flüchtlinge aus Syrien und anderen Krisenregionen älter werdend in die Demenz geraten. Insofern ist der Hinweis an den Laien, zeitgeschichtliche Hintergründe kennen zu müssen, sehr wichtig.

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