Die Räume der Stille

Buchrezension

Ich halte einen kleinen, außergewöhnlichen sechzigseitigen Bildband (20 x 20 cm) in meinen Händen, der von einem Team, das nicht unterschiedlicher sein könnte, gestaltet ist. Es besteht aus einem Theologen, einer Diplom-Ingenieurin für Landschaftspflege sowie einem europäischen Meister der Fotografie. Einprägsame Texte der Emotionen findet man darin von ganz verschiedenen Menschen.
Die Räume der Stille sind draußen, an einem besonderen Ort. Es ist der Stadtfriedhof Ricklingen. Die Gestaltung der fünf Räume der Stille basiert auf einem Konzept von zwei Menschen, die in der Palliativ-Pflege tätig sind. Sie werden es erraten – das Buch widmet sich den Themen Abschied und Trauer in Wort und Bild. Es lädt seine LeserInnen dazu ein, sich mit den Gefühlen, die wir erleben, wenn wir einen Menschen verlieren, auseinander zu setzen. Die fünf verschiedenen Räume, die der LeserIn vorgestellt werden, lehnen sich an die fünf Abschieds- und Sterbephasen, welche die Psychiaterin und Forscherin Dr. Elisabeth Kübler-Ross (1926-2004) herausgearbeitet hat, an. Eine kleine Skizze zeigt die Anordnung der vorhandenen Räume. Während ich diese vor Augen habe, beschreite ich in meinen Gedanken den beschriebenen Rundweg, erlebe Quellen der Kraft

In der Mitte der fünf angelegten Räume der Stille angekommen, finde ich einen Ort zum Inne-Halten, geschmückt mit einer Skulptur in Form eines Birkenblattes. Die Birke steht für Ende und Neuanfang. Hier kann ich Andacht halten, kleine Abschiedsrituale durchführen, ja es bietet sich sogar die Möglichkeit für Gedenkgottesdienste, Lesungen und Konzerte.
Der erste Ort zum Verweilen ist der Raum des Nicht-Wahrhaben-Wollens, der eindrucksvoll mittels einer schwebenden Bank dargestellt wird, die dem Leser den gefühlten Mangel an Bodenhaftung, das Verlorensein zwischen Vergangenem, der Zukunft und den eigenen Projektionen vermittelt. Der Rundweg führt weiter in den Raum der Wut und Aggression. Gefühle dürfen sich dort entladen. Dazu dienen passende Vorrichtungen. Danach wird man an den Verhandlungstisch aus Fels geführt, der unverrückbar ist. Der Verlust eines geliebten Menschen ist unwiederbringlich oder der eigene Tod steht kurz bevor, dennoch geht es darum, das noch Mögliche neu zu verhandeln und Lösungen zu suchen. Ein weiterer Raum lässt die LeserIn Schwermut spüren, auch die Sehnsucht nach Rückzug. Zur Illustration dient eine schneckenförmige Mauer aus Metall. Hier kann ich für mich sein, inne halten, das Leiden ertragen. Am Ende führt der Weg in den Raum der Annahme, der Ruhe und Klarheit ausstrahlt. Ausgewogenheit wird von einer in einer kreisförmigen Grünfläche ruhenden, leicht an-gekippten Wasserschale symbolisiert. Es geht um das innere Gleichgewicht, den Frieden des Herzens.
Die einzelnen Fotografien sind umrahmt von trostvollen, heilsamen, hoffnungsvollen aber auch anklagenden Texten, die Erlebnisse und Emotionen beschreiben, welche Menschen in ihrem Abschied von dieser Welt und in tiefer Trauer durchleben. Worte und Bilder befruchten sich gegenseitig und bringen eine komplexe Thematik einfühlsam nahe. Man erhält in diesem Bildband die Möglichkeit, sich selbst und persönliche Trauerreaktionen besser zu verstehen. Das geschieht mit einprägsamen Worten unterschiedlicher AutorInnen und Fotografien, die mit viel Liebe zum Detail beeindrucken. Als Leserin fühle ich mich an die Hand genommen. Ich werde sanft durch Abschiedserfahrungen geführt. Das Buch ist von seiner Gestaltung her ansprechend und farbenfroh, was deutlich macht, dass das Leben viele schillernde Facetten hat, die ineinander fließen und inspirieren.
Ich kann diesen außergewöhnlichen Bildband als Lektüre empfehlen, nicht nur für Menschen, die gerade vom Leben oder von ihren Lieben Abschied nehmen. Das Buch gibt Inspiration für die, die darum ringen, der Trauer einen Platz im Leben zu geben, der auch tröstlich ist. Es hilft vielleicht auch Menschen, die Schwierigkeiten haben, den Trauerprozess eines anderen zu verstehen. Ein heilsame Ergänzung wäre es, nach der Lektüre den Stadtfriedhof Ricklingen zu besuchen. Wenn ich einmal dort bin, werde ich das tun.
Das Buch vermittelt mir:  Die Quelle der Kraft liegt in der Stille und in der Natur.


Vandenhoeck & Ruprecht Gmbh & Co KG, 37073 Göttingen, im Jahr 2016,
hg. von Ulrich Domdey, Cordula Wächtler, Manfred Zimmermann,
ISBN: 978-3-525-45322-3
60 Seiten –  21,6 x 21,5 x 1,2 cm – 15 Euro

http://www.v-r.de/de/die_raeume_der_stille/t-0/1086044/

 

Sabine Wolf

Sabine Wolf

Sabine Wolf, geb.1968, lebt zusammen mit ihrem Sohn und drei Hunden in Gießen.
Sie ist medizinische Fachangestellte in einer neurologisch/psychiatrischen Praxis und hat zusätzlich sieben Jahre in einer Demenzambulanz gearbeitet.
Sie ist engagiert im Tierschutz und hat 2007 ein Kinderbuch mit Kurzgeschichten veröffentlicht. 
Sabine begleitete ihre Eltern intensiv in der Abschieds- und Sterbephase.
Es eröffnete sich ihr, speziell durch die Begleitung ihrer Mutter im Hospiz ein erweiterter, sehr friedvoller Blick auf das Abschiednehmen.
Die Mitarbeit bei Elysium.digital ist für sie ein neues Feld, um Menschen im Abschieds- und Trauerprozess eine mögliche Stütze zu sein.
Ein fester Bestandteil ihrer Lebensphilosophie ist:
Die Natur ist meine Religion. 
Der Planet Erde ist meine Kirche.
Die Liebe zu jedem Lebewesen ist mein Glaube.
Sabine Wolf

Letzte Artikel von Sabine Wolf (Alle anzeigen)

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.